Getränk, Gespräch, Gemeinsamkeit und AfD

Zum ersten Mal öffne ich den ganzen Tag den „grünen Salon“. Unsere Wahlkampfzentrale am Markt. Das ist Altenburg: für ca 400 Euro im Monat kann man ein Ladenlokal in der absoluten Toplage für 5 Monate mieten. Das wäre mir in München nicht gelungen.

„Der Grüne Salon“ am Markt in Altenburg

Zuerst kommt ein Schauspieler vorbei, den ich noch engagiert hatte. Er ist ein ungewöhnlich sozialer Schauspieler ohne dadurch an Prägnanz und Eigenständigkeit zu verlieren. Er war im internationalen Kontext eine Bank, gastfreundlich, neugierig und pragmatisch. Er hat zwei kleine Kinder, seine Frau, die ebenfalls Schauspielerin war, lernt jetzt Erzieherin. Eine saukomplizierte, langwierige Ausbildung. Dabei werden Pädagog*Innen doch dringend gesucht. Vor allem auch in Thüringen. Dafür verdient sie hier dann später weniger Geld, als in fast allen andern Ländern in Deutschland. Mann – das ist auch manchmal frustrierend. Die Familie aber kriegt es gut hin. Wir sprechen über Themen, die mich verunsichern. Impfpflicht und Schulpflicht. Wer wie ich viel in Westafrika gearbeitet hat, versteht diese Auseinandersetzung nur schwer. Was für ein Segen für die Länder, wenn sie ein gutes und günstiges Schulsystem aufbauen, wenn die Kinder in die Schule müssen und dadurch Kinderarbeit verhindert, der Horizont erweitert wird. Wie hilfreich, wenn Menschen geimpft werden gegen tödliche oder gravierende Krankheiten. Und wie wichtig ist es, dass das flächendeckend passiert. Wie sehr warten alle auf eine gute Malariaimpfung. Wie skandalös, dass mehr Geld in die Antifaltenforschung gesteckt wird, als in die Erforschung solcher Krankheiten. Deshalb tue ich mich schwer mit der Diskussion. Allerdings kannte ich eine wundervolle Pianistin. Sie wuchs in Frankreich auf dem Rücken eines Pferdes auf und ihre Eltern erzogen und unterrichteten sie. Sie war klug, gebildet, sozial – wirklich wundervoll.

Katja Bouscarrut (gest.2017) in der UA: „in Schrebers Garten“ eine wundervolle Pianistin und Künstlerin

Also scheint das zu gehen. Ich hätte das nicht gewollt. Ich ging gerne zur Schule, schimpfte oft darüber – normal halt. Das Vertrauen in den Staat und seine Fürsorge scheint zu sinken. Das ist ein gravierendes Problem. Wir sind uns einig. Immer wieder fällt der Begriff: gesunder Menschenverstand. Ich stimme zu. Ist der Begriff altmodisch? Oder klug, aber halt langweilig. Schlimmer – auch den hat sich die AfD gekrallt, um ihre von keiner Ahnung gestörten Vorurteile zum gesunden Menschenverstand zu erklären.

(Achtung Polittikspoiler:) Ich bin der Meinung, dass der entscheidende Faktor, ob Schule gelingt, davon abhängt, dass in qualifiziertes, zahlreiches! Personal investiert wird. Jetzt lese ich, das sich die Experten über den Bedarf verrechnet hätten. Was ist denn das für ein Witz! Einstein hat Gravitationswellen vorausberechnet! Dann bildet halt im Zweifel zuviel aus, stellt sie trotzdem ein, verkleinert die Klassen und bringt Inklusion dadurch zum Erfolg. Das kann dieser Staat sich leisten, er kann ja auch Abwrackprämie. (Spoilerende)

Mittags kommt eine Horde Kinder vorbei mit ihren Eltern. Remmidemmi. Ich animiere sie zum Toben, zum Gläser zersingen. Sie wollen Trommeln, haben meinen kleinen Kurs nicht vergessen.

Dann kommt ein großer blonder Mann mit einer kuriosen Haartolle und Sonnenbrille. Sicher weit über sechzig. Er ist laut und dröhnend. Donald Trump. Im Ernst – er sieht genau so aus. Und redet genau so, nur auf Pott. AfD – Wähler aus Moers. Er ist Rentner auf dem Weg zu seiner polnischen Freundin. Multivanfahrer. Ohne Witz. Ich schreibe hier nur meine ehrlichen Erlebnisse, glaub es selber kaum. Er monologisiert über den Rattenfänger Habeck, über die fremdgesteuerte Greta, über die kreischige Baerbock. Wir lassen nichts aus. „Nee, klar. Die Qualifizierten, die brauchen wir ja auch. Aber das Drecksvolk, das ruiniert uns. Haste ne Ahnung wie das ist in Duisburg und in Essen? Die Merkel ist schuld. Naja, jetzt hat sie es eingesehen, auch wenn sie es nicht sagt. Der Lindner ist gut.“ „Der Rattenfänger?“ frag ich dazwischen. Er lacht. „Können wir uns darauf einigen, das es falsch ist Menschen ersaufen zu lassen?“ frag ich. “ Ja schon, aber… .“ So geht es dahin. Es ist anstrengend, manchmal amüsant, oft fürchterlich gemein. Ich habe mich entschieden. Ich rede mit den Leuten. Ich höre zu. Er bemerkt das. Er sagt: „Mensch, Du hörst ja wirklich zu.“ Ist es denn richtig? Ich argumentiere, bleibe aber fröhlich. So mach ich es. Egal, was Sascha Lobo dazu sagen würde. Ich bleibe bei Heine: „was ich geantwortet verschweige ich hier. Doch glaubt mir, meine unsterbliche Seele ward nie davon verletzt, was ein alter AfDler geschwätzt.“

Am Abend dann zum ersten Mal die Veranstaltung: „Auf ein Feierabendbier mit Bernhard“ Was sich dann hat zugetragen, verrate ich euch ein andermal, in heranträumenden Herbstestagen.

Schluß mit Heine jetzt.

Mein Name ist…..

Der Wahlkampf fängt an mich zu erfassen. Ich fange an es zu lernen, kenne das ja nur aus amerikanischen Filmen. Oder als Wähler, wenn ich zufällig an einem Stand vorbei komme. Ich war am Samstag in der Känguruhschule. Eine freie Grundschule, die ihr zwanzigjähriges Bestehen feiert. Mein Freund Johnny Lamprecht hat mir 50 kleine Trommeln geliehen und ich gebe einen Trommelworkshop für Kinder. Natürlich habe ich das noch nie gemacht, aber ich habe immerhin das erste interaktive Trommelmusical: „die Zaubertrommel“ inszeniert und habe mehrere Jahre Trommelerfahrung. Es ist leicht. Trommeln funtktionieren prima. Man haut rein und mit ein wenig Disziplin entsteht Musik und Gemeinschaftsinn.

…..ich bin Klasse, Du bist Klasse!

Mir ist allerdings jetzt immer dabei bewußt, dass ich ja auch Wahlkämpfer bin. Und ich komme mir ein wenig unaufrichtig vor. Das ist hochinteressant. Denn ich manipuliere niemanden, sondern singe eigentlich nur das Baumlied. Und Kinder dürfen ja gar nicht wählen. Und die allerwenigsten wissen, wer ich bin. Ich habe Hemmungen das zu sagen. Es kommt mir blöde vor: „Mein Name ist Bernhard Stengele, ich kandidiere für Bündnis90/die Grünen… aber eigentlich bin ich gar nicht so.“

Und so geht es mir grade immer. Ich spreche mit Leuten und es interessiert mich wirklich. Und dennoch gibt es so einen Moment der Spekulation. Und manche begegnen mir auch so. Als ob ich ihnen Schnürsenkel verkaufen wollte. Als ob ich unaufrichtig wäre. Bin ich das? Nein. Ich prüfe mich… . Nein. Nein.

Abends dann Auftritt in Kleinmecka mit Robert Herrmann. Er spielt Klavier, über eine Stunde, ununterbrochen. Es sind über fünfzig Leute da. Da – am Arsch der Welt. Und Jessyka Rett, eine südamerikanische Tänzerin vom Staatsballett und ich begleiten ihn. Intuitiv betritt sie die Szenerie, wenn die Musik sie ruft. Sie bewegt sich auf dem unebenen Hof, in dieser Ruine, es ist wirklich poetisch. Und so mache ich es auch: Villon, Novalis, Heine. Es ist eine wunderbare Erfahrung. Alles improvisiert. So habe ich es mir oft vorgestellt.

Robert improvisiert in Kleinmecka

Ich hatte es zu Beginn anmoderiert. Und ganz am Ende in dem sehr schönen Applaus sage ich es zum ersten mal wirklich: „Mein Name ist Bernhard Stengele, ich trete an im Landtagswahlkampf für Bündnis 90/ die Grünen. Als ihr Direktkandidat.“ und dann in die erwartungsvolle Stille hinein: „Ich möchte der nächste Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika werden!“ Das musste natürlich sein. House of Cards sei dank.

Später sitzen wir am Lagerfeuer und diskutieren Politik mit einer Landwirtin, einem Frührentner, der ein ebenso interessantes, wie schweres Schicksal hat, einem Geografen und einem Geiger des Gewandhausorchesters. Ich trinke schnell und gerne. Wir reden über Biogasanlagen, über CO2 Steuer. Und über die Menschen, die hier leben oder nicht mehr hier leben, sondern weggezogen sind und gerne zurückkommen würden. Das ist der Grundsound, wie man heute sagt. Der Generalbass, wie ein Polyphoniker sagen würde. Ich fühle mich am richtigen Platz. Ich höre zu und sage, was ich empfinde und denke. So entsteht eine Landschaft im Inneren. Gespeist aus dem Äusseren.

Es war ein toller Auftritt. Und ich habe es gesagt. Mein erstes Outing.

Der Pfarrer, der BMW Manager und die muslimische Speise

Gestern fuhr ich raus zum Kulturhof nach Kleinmecka. Über Stock und Stein. Zu einem Vierseithof, den mein Kumpel Robert Herrmann gekauft hat, um ihn zu einem Kulturhof umzubauen. Ein großes Hauptgebäude, ein zerfallener Stall, eine einigermaßen erhaltene Scheune. Groß das alles. Für 10.000,00 Euro gekauft. Julia Klöckner – ja, die mit dem Tierwohl – hat jetzt einen Zuschuss gewährt. Für zwei Jahre. Ein großartiges Projekt, eine Mammutaufgabe. In einem Raum steht ein Klavier. Wir üben, improvisieren. Am Samstag, dem Denkmaltag wollen wir dort eine kleine Performance machen.Robert ist weit lässiger, als ich. Und ich bin doch schon lässig. Wir proben nicht, spielen nur rum. Es wird dunkel, er sieht die Tasten nicht mehr, ich fahre heim, gehe noch ins Paul Gustavus Haus. Das soziokulturelle Zentrum der Stadt. Aber „soziokulturell“ hört sich wie eine Krankheit an. Wie „ostdeutsch“ oder „Tinnitus“. Das PGH aber ist ein cooler Ort.

Ich treffe auf den Pfarrer und einen BMW Manager. Der Pfarrer ist ein hübscher, rauher 50er. Lange blonde Haare zum Zopf gebunden. Muskulös. Lässig trinkt er ein Bier. Der BMW Manger ist fünf Jahre jünger, mit einem zarteren Gesicht, ebenfalls schlank und gutaussehend. Wir diskutieren über die ansteckende Krankheit: „Ostdeutschland“. Sie grassiert im deutschen Fernsehen. Anne Will und Konsorten diagnostizieren und warnen, suchen nach einer Therapie. Sie „framen“ und „worden“. Dabei gibt es die Krankheit gar nicht. Sie ist eine Erfindung. Dieses Mal ist nicht die Pharmaindustrie Schuld, sondern politische Analytiker, meistens aus dem Westen. Cui Bono? AfD? Gauland, Meuthen, Höcke?

Ich erzähle davon, dass niemand Bündnis 90 sagt, sondern alle sagen: die Grünen. Krass, oder?
Der Pfarrer erzählt von der Friedensbewegung in der DDR, von seinem Job als Heizer bei Pfarrer Göring – ja dem Mann von Katrin Göring Eckhart. Und wie er mit der Stasi aneinander geriet.

Er erzählt, wie er in Erfurt in der Stasizentrale stand und nicht wußte, ob geschossen wird. Wie er dann Pfarrer wurde. Der BMW Manager erzählt, wie er die Wende erlebt hat, mit 21. Und wie er jetzt für BMW arbeitet, aber nicht im Dialekt spricht. Wir haben eine gute Zeit und das zweite Industriebier zusammen. Ich bin schon leicht angeheitert, denn ich habe nichts gegessen. da kommt eine junge Frau rein, sie arbeitet nebenan im integrativen Zentrum, sie hat Essen dabei: Reis mit Soße, wie in Burkina Faso, zwei würfelgroße Stück Fleisch darin. Sie haben zu Ehren des Propheten gegessen. Das blieb übrig. Ich verneige mich Richtung (Klein) Mekka. Manchmal fügen sich Dinge poetisch. Der Pfarrer fährt die Frau zum Bahnhof Richtung Leipzig. Der Manger kommt auf mich zu und sagt: „Danke für Kruso – das wollte ich immer schon sagen.“ Kruso – meine letzte Hauptrolle am Theater über Künstler während der DDR auf Hiddensee. Ich bedanke mich. Damit habe ich nicht gerechnet. Ich haderte mit der Produktion. Aus vielen Gründen. Mochte aber das Thema sehr und liebte auch meine Figur. Und jetzt nach 3 Jahren bedankt sich einer und verschwindet. Ich gehe heim….

PGH als Theaterspielort

Elementares Denken

Manchmal werde ich auch philosophieren – heute zum Beispiel:

Können wir denken? Mit Denken meine ich elementares Denken, wie es Albert Schweitzer formuliert hat. Dinge in ihrer Tragweite erfassen und Konsequenzen daraus ableiten. Dinge zu Ende denken. Ohne Angst, mutig, kühn und klug.

Ein paar Dinge zu Ende denken: Wir wissen, dass Tiere Empfindungen haben, sie trauern, freuen sich, sie sind anhänglich. Und wie wir Menschen haben sie Grundbedürfnisse. Sie wollen spielen, laufen, brauchen und spenden Körperkontakt und Zuwendung. Davon gehe ich nach Beobachtung und Lektüre mit Sicherheit aus. Es gibt Menschen, die das leugnen. Das heißt, sie hören auf ihren Verstand, ihre Beobachtungsgabe, ihr Einfühlungsvermögen und ihre Erkenntnisfähigleit zu nutzen. Außerdem mißtrauen sie in einem nicht vernünftigen Maße wissenschaftlichen Methoden. Sonst würden sie zu einem anderen Ergebnis kommen.

Tiere fühlen also. Tiere in Massentierhaltung entwickeln absonderliches Verhalten, sie entwickeln Neurosen, werden aggressiv, ja regelrecht verrückt, lethargisch – sie leiden. Damit ich sie billig essen kann. Will ich das? Ehrlich gesagt nein. Für mich soll kein Tier unnötig leiden. Das möchte ich nicht. Ich esse oft unbedacht Fleisch. Ich stelle die Verbindung nicht her. Die massenhafte Tierhaltung schädigt unsren Planten, ist für Elend und Hunger auf der Welt mitverantwortlich. Ich erspare mir hier den Faktencheck. 10 Minuten im Internet reichen aus, um beeindruckende Zahlen und Zusammenhänge zu bekommen. Will ich das? Nein. Die massenhafte Tierhaltung trägt nicht unerheblich zur Klimaerwärmung bei. Auch das kann man glaubwürdig nachprüfen. Ich esse oft unbedacht Fleisch aus allen erdenklichen Quellen. Ernährungswissenschaftler sind sich einig, dass übermäßiger Fleischkonsum gesundheitsschädlich ist. Übermäßig heißt mehr als 600 Gramm pro Woche. Da streiten allerdings die Experten. Ab wann gibt es ohne Fleisch Mangel? Bei ausgewogener Ernährung gar nicht. Jedenfalls als Erwachsener. Vegan? Irgendwann ein bißchen B12. Dann geht auch das. Zu Ende denken. Ich bin ein sozialer Mensch, ich mag kein Apostel sein, kein Belehrer, kein Fanatiker. Ich esse gern Fleisch, manchmal will ich Wiener Würstchen, weil es die immer bei uns zu Hause im Kühlschrank gab. Dann esse ich es und werde danach erst wieder wach.

Ich bin ein Hedonist, will trinken und essen, will genießen, schlemmen, unvernünftig sein. Das gehört zu meinem Selbstverständnis.

Senegalesisch essen in Burkina Faso mit Künstlerkollegen

Will ich, daß Tiere furchtbar leiden? Nein.

Der Buddha sagt: Sorge dafür, dass für Dich kein Tier getötet wird. Und iß, was man Dir anbietet. Brüste Dich nicht mit Deiner Ernährung. Das gefällt mir.

Zu Ende denken. Was kann ich schaffen? Was ist gut für mich? Was für das Tierwohl? Was für die Erde? Wenig Fleisch! Gutes Fleisch, vom Bauer. Freilaufend. Wenig Verarbeitung, wenig Wege, ohne Mast. Nicht nur Filet, auch Wade oder Kutteln ( mag ich, mag ich) Bei Einladungen werde ich essen, was ich angeboten bekomme. Für mich selbst kauf ich kein Fleisch mehr. Bei Veranstaltungen keine Fettbemme, um grüne Volksverbundenheit zu zeigen. Und ab und zu Fisch. Bei Dünewald, diesem wundervollen kleinen Händler mit Bistro in Altenburg. Einzelhändler. Der echt Bescheid weiß über Fang, Zucht, Verträglichkeit. Mein Projekt. Zu Ende denken. Mit Freude und ohne den lustfeindlichen Zeigefinger. Wenig Fleisch aus guter Haltung. Wenig Fisch – am besten von Dünewald.

ich kandidiere…..

1982 verlangte der damalige Kultusminister von Baden Württemberg Gerhard Mayer- Vorfelder eine Distanzierung meiner Schule von dem unbotmäßigen Schüler Stengele, der in einem Zeitungsartikel Homosexualität und Waldsterben erwähnte.

Die Auswirkungen des sauren Regens zu erwähnen war so radikal, dass es den ach so pfiffigen späteren DFB Chef, den wir liebevoll Trollingerpate nannten, auf den Plan rief. Homosexualität war sowieso eine Geisel Gottes.

1986 versprach Innenminister Zimmermann den radioaktiven Fallout über Deutschland wegzulenken. Kommunistischer Fallout kann ein so christlich-kapitalistisches Land wie die damalige BRD nicht treffen.

Dann wurde plötzlich von den Spielplätzen der Sand abtransportiert, wir durften keinen Salat mehr essen und ein paar ältere Bekannte blieben mit ihren Kindern auf La Palma, sie hatten ihr Vertrauen in den Umweltschutz komplett verloren. Seither denke ich grün. Ich habe mich allerdings nie in einer Partei engagiert. Künstler sind Individualisten. Doch Motivationen ändern sich:

ich werde bei der Landtagswahl in Türingen als Direktkandidat antreten für den Wahlkreis 44. Bei Bündnis 90/ die Grünen. Bündnis90 ging im Wesentlichen aus den Bewegungen hervor, die großen Anteil an der friedlichen Revolution hatten. Das bewegt mich.

Als Direktkandidat anzutreten bedeutet, dass meine Chancen gering sind. Allerdings bedeutet eine nicht abgesicherte Kandidatur ohne Listenplatz auch, dass ich im Falle einer Wahl frei eintreten kann für die Belange meiner Wähler, die mich als ihren Vertreter ausschicken und dass ich nur meinem Gewissen verpflichtet bin. Taktik und Netzwerk spielen bei mir keine Rolle.

Ich kandidiere wegen der Klimakrise, die uns episch zu vernichten droht, wie den sprichwörtlichen gekochten Frosch.

Ich kandidieren wegen den überwältigenden Herausforderungen der Biodiversität.

Ich kandidiere für die vielen großartigen, mutigen, attraktiven Frauen, Diverse und Männer in diesem Wahlkreis, die ich kennenlernen durfte. Menschen mit Zivilcourage, die unsre Arbeit am Theater und deren Arbeit wir hier in Altenburg so sehr unterstützt haben.

Ich kandidiere auch für die im Dunkeln, für die Übersehenen und die Überhörten. Für die Menschen in Ost Thüringen, deren schöne Heimat inzwischen so ausgesprochen wird, als ob es eine ansteckende Krankheit wäre.

#fuerABGdirekt!nachErFurt. Auf geht’s….

Umgang mit einem Reichsbürger und Neonazi

Es gibt Erlebnisse, die sind so überraschend, so gut und lehrreich, daß ich sie verdutzt und beglückt gleichermaßen erlebe.

Sommer 2019 in Kisslegg im Allgäu. Ich treffe mich mit einem Freund in einer Kneipe, die früher mal Treffpunkt war für die halbe Gemeinde. Generationen saßen zusammen, es wurde Bier getrunken, zu essen gabe es Dünnele und belegte Seelen, sogar warm. Keine Sperrstunde. Oh schöne Zeit, wo voller Geigen der Himmel hing… . heute ein dicker, ungepflegter Wirt, der uns langsam das Bier nach draußen serviert. Mein Freund und ich waren zu einem Versöhnungsgespräch verabredet, wir hatten uns über einen geplanten Auftritt verstritten und wollten das beilegen. Mein Freund ist im Hauptberuf Klinikclown. Er ist nach einer starken Gewichtsabnahme 110 kg kräftiges, vitales, germanisches Urtier, langhaarig, ein riesiges Gesicht, immer kurze Hosen. Und er bittet zwei Straßenarbeiter an den Tisch. Er kennt sie nicht. Sofort beginnt er ein sehr offenes Gespräch über die Hitze. Und sofort gehts los mit Afrika und alle sind schwarz und so. Und mein Freund sagt:

“ Ihr hont wohl hoffentlich nix gega Schwarze, weil des sind alles maine Fraind, also au dia, dia it maine Fraind sind, sind maine Fraind, obwohl se vielleicht, woisch was i moin?“

Das Gespräch geht weiter, jetzt sogar über Flüsterasphalt, 40 Tonnen Bagger und – auweh – den LKW des Größeren der Beiden. Das alles im breitesten Dialekt. Kroetz, Schwab, Scheitenberger – sie hätten ihre Freude daran gehabt, auch Horvath. Ob er denn auch einen Namen habe für seinen LKW?

„Noi“

„Isch es denn dain Elkawe?“

„Er fahrt, wenn i fahr, er schtoht, wenn i schtand, er isch grank, wenn i grank be – also main Elkawe. Abr a Schild honni dinne ghett, des hot rousmossa.“

„Hoi, warum“

„Dr Scheff hots it duldat“

„Hoi, warum, was isch droufgschdanda“

„Ich fahre für den Endsieg“ – kurze Pause –

dann ruft mein Freund: „Noi, des isch it droufgschdanda!“

„Ha, doch, warum soll des it drouf gschdanda sai“

“ Weil noch wärsch Du jo so oiner, so an…“

“ Bin I au, verschdosch, I bin an Neonazi“ lacht er.

„Noi, bisch it“ sagt mein Freund. Ich staune. er bleibt ganz offen, laut und kräftig, ohne Aggression. “ Sonscht miast I di jo verhaue“

„Probiers“

Kurze Pause

Mein Freund steht entschlossen auf, geht um den Tisch, mir wird mulmig.

Er fühlt die riesigen Arme des Baggerführers und sagt: “ Des sind it alles Muschggla!, do isch au Fett dabei.“ Und lacht laut und dröhnend. Der andere lacht auch.

“ Überhaupt, was für ein Endsieg? S`isch doch koin Griag meh!“

„Ja, sagt der Baggerführer „aber au koin Friede, bloß Waffastchtillschtand.“

„Noi“ jault mein Freund auf, “ bisch Du an Reichsbürger?“

„Naja“

„Noi, bisch it“ sagt mein Freund, „Du bisch doch im Grunde an gscheita Kerle und it bös, also her ouf mit dem Scheiß“ Und er lacht, der andre lacht auch, ein bißchenm verunsichert.

„Mir gont jetzt. Reiss Di zamm.“

Wir verabschieden uns.

Ich bin geplättet. Er schaffte es, freundlich zu bleiben, ohne auch nur im Ansatz seine Position zu verraten. Natürlich hat er niemanden bekehrt, aber er hat seine Position behauptet, sich durch das strotzende provokative Selbstbewußtsein des Andern nicht verunsichern lassen, ja er hat sogar klar gemacht, was der andere tun müßte, um seinen Respekt zu haben. Und alle die glauben, man hätte doch noch deutlicher und aggressiver – nein. Das war das Optimum in der Situation.

Das Optimum – mehr ist nur in der Theorie möglich für teures Geld auf Seminaren und ganz ohne Neonazi. Ich war ehrlich begeistert. Was für ein Freund! Was für ein Klinikclown!

Auf gehts in den Wahlkampf nach Ost Thüringen. Auf gehts zu tollen innovativen Menschen, in eine unterschätzte Gegend.