Wieder Vereinigung

Ich bin eingeladen nach Gera. Am Vorabend des Mauerfalls. Das steht in keinem Zusammenhang. Denke ich jedenfalls. Jedenfalls war das nicht der Anlass und doch war es ein Abend des Feierns und des Nachdenkens über den Mauerfall.

René Prautsch, der jetzige Technische Direktor meines ehemaligen Theaters hat mich als heimlichen Gast zu einem kleinen Familienessen gebeten. Heimlich, weil er seinen Vater überraschen will. Peter Prautsch ist ein wundervoller Schauspieler, jetzt bald 73, immer noch aktiv. Er ist einer der wenigen Künstler, die es geschafft haben sich den Enthusiasmus, den Spieltrieb, die unbedingte Hingabe an diesen so anspruchsvollen Beruf weit über fünfzig Jahre lang zu erhalten. Peter und ich schätzen uns sehr. Als ich ihm erstmals begegnete machte er einen müden und erschöpften Eindruck. Ich nahm ihn aus der Produktion. Er war erleichtert. Das war Kasimir und Karoline. Und ich war mir nicht sicher, ob er einfach keine Lust hatte schon wieder einem neuen Schauspieldirektor zu begegnen, oder ob er wirklich einfach erschöpft war. Danach hatten wir wundervolle Projekte zusammen. „Die im Dunkeln“ das Peter heute kritisch hinterfragt, wegen der zu strengen Sicht auf die Sowjetunion, aber als sehr wichtige, intensive und notwendige Produktion bezeichnet.

Peter und Rene Prautsch – 3. und 4. Generation im Theater. Jeweils ein Sohn der beiden arbeitet auch im Theater

Zuletzt holte ich ihn für: „Cohn Bucky Levy – der Verlust“ auf die Bühne zurück. Wir erlebten diese Zeit in Israel, im Jaffatheater, in den Palästinensergebieten, in Altenburg, in Buchenwald, mit den Nachfahren der jüdischen Familie. Und wir waren uns der Kostbarkeit dieser Augenblicke stets bewußt. Wir redeten nie viel miteinander. Wir hatten dieses stille Einverständnis, das ich am meisten liebte in dem Beruf. Man begegnet und erkennt sich und braucht darüber nie zu sprechen. Und er rettete die Produktion. Als Yara Yarrar, die blutjunge palästinensische Schauspielerin und Aktivistin aussteigen wollte, schaffte er es durch seine Wärme und Zugewandtheit ihr das Vertrauen zurückzugeben eine Produktion über jüdisches Leben zu machen. Was ja schließlich keine Kleinigkeit ist.

Yara Yarrar tanzt auf dem Tisch

Sein Sohn René, seine Frau Manuela, Lehrerin und stark in der Flüchtlingsintegration engagiert luden uns also ein. Peter kam mit seiner ebenso klugen, wie warmherzigen Frau Yamuna. Er hatte Hirschgulasch mit Klößen gekocht und mitgebracht, ich Hühnereier von meinem Freund K. Die Überraschung glückte und die Wiedersehensfreude war groß. Wir tranken Freiberger Bier, eines dieser lokalen Biere im Osten, die besonders wohlschmeckend herb sind. Und wir fingen an unsere Geschichten zu erzählen. Und so wurde der Abend zu einer großen gesamtdeutschen Erzählung. Peter wurde wegen des Krieges in Graz geboren. Sein Vater war ebenfalls Schauspieler, der sich in Österreich mit Puppentheater über Wasser hielt und dann in die DDR wollte, weil er den Sozialismus für die vielversprechendere Staatsform hielt. „Genau wie mein Vater“ werfe ich ein, „der wollte auch rüber zu seiner Verlobten, er fand die DDR spannend, das aber verhinderte meine Großmutter!“

Und Peter , der im Herzen immer noch ein Sozialist ist und Anteil nimmt an der Ungerechtigkeit in der Welt, die er grade reisend entdeckt, der sich Frieden wünscht und Herzlichkeit, erzählte vom Theatermachen in der DDR, wie wichtig und anerkannt es war, wie alle Bevölkerungsschichten ins Theater gelockt wurden. Das hatte nichts Verklärendes, sondern er beschrieb es. Er erwähnte die Schrecken der Stasi, das ewige überwacht werden ebenso, wie die kollegiale Solidarität. „Und den Norbert Stoess haben sie dann weggesperrt, nach Bautzen, weil er das Falsche sagte auf der Bühne. Also das Richtige“ sagt Rene. Mein lieber Kollege Norbert Stoess, dessen DDR – Geschichten ich damals in Konstanz, als wir 1993 gemeinsam engagiert waren, nicht hören wollte, ignorant wie ich war.

Norbert Stoess Schauspieler mit Zivilcourage

Peter erzählt weiter wie er nach dem Mauerfall seine jetzige Frau Yamuna am Theater in Hof kennenlernte. Sie spielten beide in einer Boulevardkomödie. Yamuna, deren Vater aus Indien eingewandert war und die in München aufwuchs und das akzentfreieste Hochdeutsch spricht, das ich je gehört habe, erzählt, wie sie als fremd aussehende Frau in Deutschland lebte und lebt. René, Peters Sohn aus erster Ehe, der zuerst Schäfer lernte und lebte und dann zum Theater ging als Bühnenarbeiter, um die vierte Theatergeneration der Prautsch zu etablieren, lernte seine bulgarischstämmige Frau Manuela auch um die Zeit der Wiedervereinigung kennen. Manuela, die in Yamuna verbündete Freundin und Schwiegermutter zugleich fand, vermisst das einfache bäuerliche Leben in Bulgarien bis heute. Sie zeigte uns ein Bild ihrer Großmutter und wir sprechen von geglücktem Leben. Allen ist bewußt, dass die Wiedervereinigung sie zusammengebracht hat. Wir reden über Brüche im Leben. Und was Wohlstand bedeutet. Und was Armut ist.

Mara Iwanova Kartschewa aus Zvesdetz in Bulgarien nahe Türkei

„Armut“ behaupte ich, „bei uns ist das nicht teilhaben können oder dürfen am gesellschaftlichen Leben, es ist weniger direkt vom Geld abhängig, als man glaubt. Indirekt aber spielt Geld eine wichtige Rolle, weil es Zugang zur Gesellschaft verschafft.“

Und wir sprechen und trinken Bier und am Ende tanzen Peter und ich zum Lied „Aisha“ von Khaled. Yamuna filmt uns. Und wir schicken das kleine Video an Öykü Oktai nach Istanbul, weil Peter das Lied in Jaffa/ Tel Aviv mit ihr immer sang. Und ein wenig betrunken und sentimental umarmen wir uns und Peter sagt: „ Israel, ach das war die beste Produktion“ und ich torkele in mein Bett in Gera. Und René sagt zum Schluß, daß nebenan der AfD Frontmann Brandner wohne. Krass. Direkt nebenan.

Morgen fahre ich in den Westen. Heute bin ich betrunken und glücklich und zu Hause. Mal wieder für ein paar Stunden.

Bernhard, Peter,Yamuna, Manuela und Rene

Und jetzt?

Abfahrt aus Altenburg

Morgenstimmung Bahnhof Altenburg

Die Wahl ist vorbei. Das Ergebnis viel schlechter, als erwartet. Auch für mich persönlich. Ein Achtungserfolg. Was für ein deprimierendes Wort. Das Land ist im Grunde nicht regierbar.

Weil die AfD eine wahnsinnige Kraft hat. Sie blockiert alles. Und sie ist rechtsradikal. Was gilt es jetzt zu tun. Es war klar, dass es nicht wie eine Theaterproduktion ist. Mit dem Höhepunkt, mit dem guten Ende am Schluß. Auch wenn der Rhythmus vergleichbar war. Ich habe gespürt, dass es ein desaströses Ergebnis geben wird. Ich habe es auch gesagt. Viel zu viele Leute waren nicht zu erreichen. Waren so wütend. Und ich weiß nicht warum. Was ist das denn? Vergessene Menschen, vergessene, nicht anerkannte Biografien. Der Hass bleibt rätselhaft.

Mit der S-Bahn nach Leipzig

Viel Dinge laufen politisch falsch, das ist wirklich wahr. Es gibt Benachteiligte in unserer Gesellschaft: Familien auf dem flachen Land, Alleinerziehende, ältere Menschen auf dem flachen Land und wenn das flache (oder auch hügelige) Land dann auch noch strukturschwach ist, dann wird es echt schwer. Sie brauchen ein Auto, haben wenig Geld, können nicht schon wieder eine neue Heizung, wo ist der Arzt? etc.pp. Das ist schreiend ungerecht. Aber erklärt das diesen Hass? Auch von Menschen, die davon nicht betroffen sind. Ich habe Anworten, aber das ist nicht interessant. Interessant ist, trotz allem Empathie zu entwickeln. Sich Gedanken zu machen. Nicht abzuurteilen. Sicher muss man nach Außen klar bleiben, entschieden, aber es ist ungeheuer wichtig auch offen zu bleiben, zu forschen. Nicht aufgeben. Nichts und niemanden.

Dann weiter nach Berlin

Wie geht es für mich weiter? Ich bin ein Künstler mit ein paar wenigen, nicht sehr lukrativen Aufträgen, mit vielen großartigen Ideen, mit einem tiefen Wunsch nach Theaterarbeit im internationalen Kontext. Meine Idee von internationalem Theater wird viel kopiert, oder jedenfalls gemacht. Ich bin nicht mehr dabei. Das schmerzt mich sehr. Politik machen? Gerne, aber nicht in Sitzungen, sondern auf der Bühne, in kreativen Zusammenhängen und nicht so vielen Sitzungen, sonst werde ich krank.

Bundesarbeitskreis Kultur in Berlin mit Erhard Grundl MdB und Prof.Dr. Friedrich von Borries: Referat über Design aus politischer Sicht

Blog schreiben? Ja, das werde ich weiterhin machen. Denn es bleibt ja interessant. In Thüringen, in Altenburg und bei mir. Bleibt dabei.

Um sechse isch over…

Wir bereiten den grünen Salon vor für die Wahlparty

Heute wird gewählt. Viele haben es schon per Briefwahl gemacht. Das erzählen Sie mir ganz erleichtert, wenn ich Ihnen einen Flyer andrehen will, dann müssen sie ihn nicht nehmen.

Der Wahlkampf ist vorbei. Zwei Monate habe ich intensiv daran gearbeitet. Mit tollen Leuten. Ohne Chance. Das wurde mir in den letzten Tagen wieder bewußt, nachdem ich es eine ganze Zeitlang ganz nach hinten gedrängt hatte.

Wahlkampf mit meinem grünen Kollegen Nick Purand

Es gibt keinen überragenden Grund mich nicht zu wählen. Ich habe keinen direkten AfD – Gegenspieler, nur SPD, Linke und CDU. Dennoch: es wird sich entscheiden zwischen dem Linken und der CDU. Deshalb werden etliche, die mich eigentlich wählen könnten, den Linken wählen. Damit der reinkommt. Einfach ein Mandat, das zählt. Darüber kann man nun lange spekulieren, ob das richtig ist, oder nicht. Und dann gibt es ja ganz viele, die mich sowieso für unwählbar halten, die einen Künstler grundsätzlich für einen Scharlatan halten. Und mich sowieso, der ich ihrer Stadt doch so geschadet habe. Der Ex-OB hat, als er damals diese Pressemitteilung rausgab, wirklich einen Volltreffer gelandet.

Als ich herfuhr im August und mitten in der Nacht ankam, hab ich einen echten Verzweiflungsanfall gehabt. Eine Schlacht zu schlagen, die ich nicht gewinnen kann, monatelang für etwas zu kämpfen, das nicht erzielbar ist, war eine Aussicht, die mich für einen Moment richtig erschüttert hat.

Anreise nach Altenburg im Regen

Und das an einem Ort, wo ich einen legendären Ruf hatte, wo ich das beste Theater meines Lebens gemacht habe, wo ich zwar umstritten, aber auch sehr geachtet war. Und ich wußte, dass ich diesen Ruf verlieren würde. Und das wollte ich auch ein Stück weit. In manchen Momenten hat es mich tief verletzt. Die Tatsache zum Beispiel, dass ich jetzt dafür bezahlte, damit Leute sich Lieder und Gedichte anhörten oder ich jedenfalls kein Geld dafür bekam. Nachdem ich früher oft vor 750 Leuten aufgetreten war, nachdem ich damit immer gut Geld verdient hatte. Und ich bin ja nicht zu alt dafür. Und auch nicht schlechter geworden. Das waren bittere Momente. Am Donnerstag haben wir in der Brüderkirche ein Programm gemacht: „die Schöpfung – ein ökologisches Manifest“ Vor fünf Jahren war die Kirche bei einer ähnlichen Veranstaltung mit 300 Menschen gefüllt, letzten Donnerstag waren es vielleicht zehn. Das sind krasse Momente.

Das ökologische Manifest

Andererseits hatte ich gute Gründe diesen Wahlkampf zu machen. Da ist die Klimakrise und die daraus resultierenden Verheerungen auch in sozialer Hinsicht. Das ist der Grund für diese Partei einzutreten, die hier in Ostthüringen einen verheerenden Ruf hat. Dann ist da Ostthüringen, das einen verheerenden Ruf hat, obwohl es hier so großartige Menschen gibt, wie ich sie selten irgendwo angetroffen habe. Und dann gibt es meine Neugierde, mein Drang mich in neue Situationen zu begeben. Und das war und ist ja wirklich hoch interessant. Ich habe Menschen kennengelernt, die mit so monströsen Schwierigkeiten, so konstruktiv umgehen, dass es mich fast beschämt. Ich habe kreative und konstruktive Menschen und Institutionen kennengelernt und erlebt. Menschen, die meine Arbeit aufopferungsvoll unterstützt haben, die Schwung und Intelligenz mitbrachten. Und ich habe festgestellt, dass es viele einsame Menschen gibt, die ihr Leben tapfer und optimistisch immer wieder anpacken.

Ich habe Kathrin Göring Eckart, Cem Özdemir, Toni Hofreiter, Britta Hasselmann, Reinhard Bütikofer, die ich allesamt nur aus dem Fernsehen kannte, persönlich erlebt. Und ich darf berichten, dass die genannten Politiker ihre Arbeit aus Überzeugung, mit Geduld und einer großen Portion Frustrationstoleranz machen. Sie alle haben nicht in Floskeln geantwortet, sondern fundiert gesprochen oder auch zugegeben, wenn sie nicht weiter wußten. Das war eine überaus positive Erfahrung.

Das ZDF hatte für ein Interview angefragt und ich habe einfach gelacht und abgesagt. Das war auch ein wichtiger Moment, wie eine Befreiung.

In einer halben Stunde ist 18.00. Dann isch over. So sagte Schäuble. Eine intensive Zeit. Wir hören Clueso: wenn ein Mensch lebt. Toller Song. Ostsong. Gut

Cem mit Ivy

Das Wunder von Altenburg

Rote Spitzen bei Vollmond – bearbeitet

(Meine letzte Kolumne vor der Wahl in der rechtsgerichteten Werbezeitung „Kurier“)

Ein alter Mann mit weißen Bart saß auf einer Bank unter der noch jungen Eiche auf dem Altenburger Markt. Ein lustiger Kreis von jungen Buchen, Platanen und Birken sowie ein Ginko umgaben ihn. Er summte leise vor sich hin, die Augen geschlossen, die Oktobersonne vergoldete sein Gesicht.

Ein Mädchen in einem Overall mit naturkrausem Haar lief auf ihn zu. Hinter ihr jagte ein Junge daher, die Sommerbräune an den Armen und im Gesicht, strohblond und rund um den Mund noch eisverschmiert.

„Warum summst Du?“, fragte das Mädchen. „Nur so, weil ich mich freue.“ „Worüber denn?“, fragte das Mädchen, das sich eine kleine Holztrommel geschnappt hatte und munter darauf herum haute. „Weil ich froh bin, mir damals die Ohren zugehalten zu haben. Damals, 2019.“ „Ui, das ist aber megalange her“, rief der Junge, während er etwas unbeholfen versuchte, auf eine der Platanen zu klettern.

„Komm schon und erzähl!“, riefen die beiden Kinder neugierig.

Vater mit Kindern im PGH

„Damals haben sich die Menschen viel gestritten. Die einen haben gesagt, dass es tausend Jahre lang viel besser gewesen wäre. Und dass nur die Fremden an allem Elend und aller Not Schuld hätten. Deshalb sei alles ganz schrecklich. Sie brüllten ganz laut und ich kann mich noch gut erinnern, sie hatten ganz blaue Fingernägel.“ Das Mädchen lachte. „Andere, mit ganz schwarzen Fingernägeln …“ „Wie meine Hautfarbe“, unterbrach sie ihn stolz. „Genau“, brummte der alte Mann. „Die haben gesagt, dass die mit den roten Nägeln Schuld daran wären, dass es keine Lehrer gäbe und die mit den grünen Nägeln Schuld daran, dass die Autos stinken würden – wo doch ein jeder wisse, dass sie nach Vanilleeis riechen. Und die Rotnägel sagten, dass man bald verhungere, weil das Essen unbezahlbar würde, weil Tiere zu viel Geld kosten. Woraufhin wiederum die Grünnägel sagten …“

„So ein Quatsch!“, schrie der Junge aus dem mühsam erklommenen Baumwipfel herunter. „Ja, aber so stritten sie alle miteinander, erzählten falsche Dinge und vergeudeten ihre Zeit.“ „Ja, aber warum denn bloß?“, fragte das Mädchen im Takt der Trommel.

„Sie wollten alle in den gleichen großen Palast in der fernen Stadt einziehen. Und sie stritten ganz laut, die Blaunägel brüllten immer mehr und redeten gleichzeitig, es war beileibe kein Vergnügen mehr und keine Freude. Am Ende traute sich niemand mehr zu sagen, dass das Leben schön sei.“

„Und dann?“, fragte der Junge – selber nicht so richtig wissend, wie er heil wieder aus dem Baum herunter käme. „Tja, dann haben sich ein paar Frauen und Männer zusammengetan, ihre Fingernägel mit allen Farben ganz bunt lackiert und beratschlagt. Schließlich haben sie feierlich beschlossen:

Wir, die Buntnägel, fordern:

• Tiere an die frische Luft

• Insekten auf und in die Kuhfladen

• Bauern mit weniger Sorgen 

• Genügend nette Lehrerinnnen und Lehrer

• Weniger Autos, die kostbares Erdöl verbrennen

• Großeltern, die leicht ihre Enkel besuchen können 

• Einen grünen Spiel-Marktplatplatz in Altenburg

• Händler handeln in Altenburg

• Menschen so bunt wie unsere Fingernägel

Da schrieen die Andern: ‚Das geht nicht, das geht nie! Das ist der Untergang!‘ 

Und die Buntnägel hielten sich schnell die Ohren zu.“

„Und dann?“, wollte der Junge wissen, der es mittlerweile doch irgendwie heil vom Baum wieder heruntergeschafft hatte. „Nun, heute sitze ich hier unter der kleinen Eiche auf dem Spielplatz. Ich bin mit Gemüse und Eiern von meinem Vierseithof mit dem Rufbus zum Markt gefahren und habe mit dem Verkauf ein wenig hinzuverdient. Nur die vielen Insekten geh’n mir auf die Nerven. Da haben wir vielleicht doch ein bißchen übertrieben. Das alles haben wir geschafft, weil wir uns, als das Geschrei zu groß war, die Ohren zugehalten und in uns reingehorcht haben.“ Der alte Mann musste lachen: „ Ja, das war 2019.“

„Ui, das ist wirklich mega- lang her“, lachten auch die beiden Kinder – und rannten vergnügt weiter in Richtung Brüderkirche …

Brüderkirche

Bernd Höcke in Meuselwitz

Ich bin spät dran. Ich hatte es den jungen Kollegen von SOLID (der Jugend von: die Linke) versprochen. Am 10. Oktober ist der „Familientag“ der AfD in Meuselwitz. Familientag nennt die AfD ihre Wahlkampfveranstaltungen.

Familientag der AfD in Meuselwitz

Es interessiert mich, denn ihr Guru Höcke kommt. Björn Höcke ist ein Mann, den ich auch persönlich ablehne, zu dem ich ein Verhältnis habe. Andere wie Gauland oder Weidel oder Meuthen beobachte ich, studiere ich, um zu verstehen, was und warum es passiert. Ich bin frustriert und fasziniert von der sagenhaften Unverschämtheit, von der skrupellosen Intelligenz mit der die AfD alle Erkenntnisse der Linguistik, des Marketing, der Propaganda benutzt, um Meinungsführerschaft zu bekommen. Seit Jahren beobachte ich das, wie ein sprachliches Tabu nach dem anderen fällt, wie eben noch liberale Freiheitsbegriffe zu Kampfbegriffen der AfD mutieren: „Wir sind das Volk“, „Montagsdemonstration“ – damit begann es. Jetzt sind wir bei: „vollende die Wende“, „friedliche Revolution in der Wahlkabine“ und bei „mehr Demokratie wagen“ gelandet. Das ist perfide, hochintelligent und es funktioniert. Schon 2014 habe ich immer wieder in meinem Theater darauf hingewiesen, dass wir aufpassen müssen, nicht in die Reaktion zu geraten. Wir haben das im Schauspiel ganz gut hingekriegt, haben den Marktplatz mit unserem „Montagsgebet“ frei gehalten von den überall stattfindenden Montagsdemonstrationen. Manchmal nur zu dritt standen wir da mit Kerzen in der Hand, aber wir waren da. Höcke war schnell ein Begriff, er sagte diese schrecklichen Dinge von Umvolkung, von der gesteuerten Afrikanisierung der deutschen Bevölkerung und ähnlichem Mist. Aber es hatte Wirkung.

Auf der Fahrt macht mein Auto merkwürdige Sachen. Es beschleunigt nicht gut. Es hat jetzt weit über 250.000 km auf dem Tacho ist bald 15 Jahre alt. Ich rechne immer wieder damit, dass es bald den Geist aufgibt. Aber ich komme gut in Meuselwitz an. Über Meuselwitz habe ich mal ein Stück gemacht. „Wenn es Nacht wird in Meuselwitz“. Es war ein Liederabend. Ouelgo Tené, mein wunderbarer Freund aus Burkina Faso, spielte darin einen Cowboy, der Nachts in die Kneipe in Meuselwitz kommt … . Und Wolfgang Hilbig kommt von da, dieser beeindruckende Dichter, der sich tot gesoffen hat und den heute schon kaum noch einer kennt.

Ich treffe zuerst auf die Gegendemonstranten von SOLID und MLPD, sie sind munter und erstaunliche 30 Personen stark. Dann hinein in den Familientag: ein paar Bierbänke, Glühwein, Bier – ein erstaunliches Familienbild, das da entsteht. Wie in den 60er Jahren. Die Männer saufen und rauchen und die Kinder dürfen auch rumhängen. Es sind nicht viele Leute, zwischen 50 und 110 geht es hin und hier in den nächsten zwei Stunden, denn der Meister lässt auf sich warten. Musik vom Band, später eine Zwei-Mann-Kapelle, die singt: „ Es wird Nacht, Signorita“ und Songs, die noch weit niedrigschwelliger sind. Aber sie machen ihre Sache, wie man sie eben macht vor einem Publikum, das nicht zuhört. Das ist immer bitter, ob rechts, links oder in der Mitte. Manchmal reden Redner, manchmal die Moderatorin, von der Form her ist alles völlig unspektakulär. Das Gesagte? Oft einfach, ja langweilig, dümmlich und immer wieder wie Nadelstiche dieses Gift der Verachtung, der Diskriminierung, der Ausgrenzung. „Von Heidelberg bin ich weggezogen, denn das ist ja schon islamisiert. Hierher bin ich gekommen, wo die Menschen es begriffen haben und normal sind“ und so weiter. Ich esse diesen Kuchen den der Spitzenkandidat des Wahlkreises mitgebracht hat. Er schmeckt nach Industrie.

Ich esse Thomas Rudy, der der Islamisierung entkam

Endlich kommt dann Bernd (er heißt Björn, aber wir sagen halt Bernd). Sofort geht es los mit: „Höcke, Höcke, Höcke!“ Wir werden aufgefordert, ganz nach vorne zu kommen. Er beginnt seine Rede so, wie man eine Rede halt beginnt, wie es Helene Fischer auch tut und alle anderen: Hallo Meuselwitz! Wie großartig! Ich fühle mich jetzt schon wohl, tolle Leute, nicht wie die schrecklichen Politiker in Erfurt etc.pp. Er ist nicht charismatisch, er ist nicht brilliant, er ist nicht derb, er ist nicht unterirdisch, er ist nicht – aber was ist er denn? Ich höre genau hin, wie er die Rede aufbaut. Ganz saturiert, in der bürgerlichen Attitude, die ja jetzt Parteikonsens ist. Harmlos entwickelt er seine Gedanken hin in absurde und widerliche Betrachtunsweisen. Er ist ein Geschichtsklitterer, ein Lügner, ein Vereinfacher – er ist ein Demagoge und ein Faschist. Er spricht über den Anschlag in Halle und verurteilt die Tat und fragt sich und uns dann, was in einem Land los ist, in dem junge Menschen, verwirrte Menschen sich gezwungen fühlen, solche Sachen zu tun … . Da bleibt mir dann schon die Spucke weg. Und so geht es munter weiter. Er, der mit doppeltem Staatsexamen und meisterhaftem Masterabschluß in Geschichte angibt, erklärt uns, wie über Jahrhunderte diese besondere Gemeinschaft in Deutschland entstand, diese gemeinschaftliche Nähe, die nur wir Deutsche haben, diese Gemeinschaft, die auch Diktatoren und Diktaturen überstanden hat und die nun systematisch kaputt gemacht werden soll. Und dass er und wir das nicht zulassen werden.

Björn „Bernd“ Höcke

Ich schaue mich um, die Menschen nicken andächtig, fast sanft. Sie mögen ihn. Und sie glauben ihm. Glaubt er sich auch? Ist er zynisch? Ich weiß es nicht. Sicher ist, dass das furchtbar ist, was er sagt. Mir reichts.

Ich fahre zurück. Ich fühle mich merkwürdig hohl. Nicht empört, sondern eher leer, traurig. Da sind Menschen gewesen, die sichtlich nicht zu den Gewinnern gehören, manche hätte ich sofort nach dem Weg gefragt, manche hätte ich gemieden. Viele sind so alt oder älter als ich, aber es gibt auch junge, es gibt Frauen und Kinder. Dörflich, ein bißchen heruntergekommen ist der Eindruck, den ich habe. Das Auto funktioniert. Gott sei dank. Am Abend ist Bodo Ramelow in Altenburg. Auch er spricht. Vor vielleicht 200 Leuten. Es sind natürlich dieselben Mittel. Hier ein bißchen lockerer, in Meuselwitz ein bißchen mehr Bier. Mir ist irgendwie mulmig, ich bin angespannt. Ein Moderatorenduo ganz jung und hipp stimmt ein. Das wirkt gewollt auf mich. Ja verdammt, ich komme vom Theater. Ich bin empfindlich, wenn es um Shows geht. Ramelow tritt auf. Er spricht frei. Ein intelligenter Mann steht da, der transparent und glaubwürdig seine Erfahrungen und sein Christentum der Nächstenliebe in Politik umsetzen will. Er ist glaubwürdig und spricht respektvoll. Er überrascht mich positiv. Kein böses, kein dummes Wort. Viele hadern mit der Linken aus historischen Gründen. Das mag man verstehen. Herr Ramelow sagt aber nichts, was ich nicht unterschreiben könnte – außer bei E-Mobilität.

Bodo Ramelow

Was macht es aus, dass ich jemanden wählen kann? Der Mensch? Das Programm? Der Auftritt?

Ich entscheide mich dafür, dass der Inhalt das Entscheidende ist. Die Werte.

Ich weiß aber, dass weit über 80 Prozent des Gelingens einer politischen Rede im Auftritt liegt.

Mit ein paar Linken und ein paar Bündnisgrünen und Parteilosen treffen wir uns danach. Wir diskutieren noch lange im Grünen Salon über Politik. Ich bin sehr erschöpft. Meuselwitz hat mich erschöpft. Die AfD raubt mir Kraft. Es ist diese merkwürdige Verbindung von bürgerlich – einfacher Attitude mit unauffällig daherkommenden Gemeinheiten. Ich spüre es wirklich in den Knochen.

Deutschland, Deutschland über Alles?

Rote Spitzen

Uns Deutschen wird gemeinhin

ein gestörtes Verhältnis zu dem Begriff „Nation“ nachgesagt.

Das gilt nicht für mich.

Ich habe ein entspanntes Verhältnis zu diesem Begriff.

Wenn man sich eine interaktive Landkarte

von Europa der letzten 2500 Jahre anschaut,

wird man feststellen, dass sich die nationalen Grenzen

unaufhörlich verschoben haben. Weder gab es eine durchgehende deutsche Nation,

noch sonst ein Land, das wirklich Bestand gehabt hat.

Alles verändert sich unaufhörlich.

Eine Nation ist eine politische Einheit, die durch Krieg, List oder Beischlaf zustande kommt.

Bahnhof Altenburg

Ich selbst bin Deutscher – aus Zufall.

Früher war ich Westdeutscher – auch zufällig.

Mein Vater hatte eine Verlobte in Brandenburg.

Er wollte zu ihr, da ging aber vorher die Mauer hoch.

Viele wurden getötet an der Mauer.

Später haben mutige Frauen und Männer es geschafft, die Teilung friedlich zu überwinden. Das war ein welthistorisches Ereignis, vor allem auch, weil es ohne Krieg, List oder Beischlaf zustande kam.

Ich wäre ganz damit einverstanden, wenn wir uns seither „das Land der friedlichen Revolution“ nennen würden. Ebenso hätte ich nichts dagegen gehabt eine neue Nationalhymne zu singen. Besser jedenfalls als dieses vergurkte Lied, das wir jetzt singen. Eine schwer belastete erste Strophe, wird gefolgt von einer zweiten, die ein Sauflied ist und nur eine dritte, die fein ist und vom Bundeskanzler Kohl und Präsident Weizsäcker zur Nationalhymne bestimmt wurde. Das Ganze auch noch zu einer Melodie, die eigentlich für den Kaiser von Österreich komponiert war. Dann doch lieber Brecht:

„Anmut sparet nicht, noch Mühe,

Leidenschaft nicht, noch Verstand,

dass ein gutes Deutschland blühe

– wie ein andres gutes Land.“

Vielen Dank an die mutigen Frauen und Männer

der friedlichen Revolution.

Ihr seid Vorbilder.

Am großen Teich

Gedenkt der Toten. Kämpft für die Zukunft!

Heute ist wieder Freitag. Letzten Freitag war ich mit ca 300 Altenburger Schülern und Erwachsenen auf der Strasse, um zu demonstrieren. Es waren viel mehr, als gedacht. Am Rande der Demo kam ich auch mit Schülern des Friedrichgymnasiums ins Gespräch.

Artists for Future meets Fridays for Future

Was ich von denen erfuhr, hat mich überrascht und traurig gemacht. Ich habe ein intensives Verhältnis zum Friedrichgymnasium. Vor sieben Jahren kam es anhand einer Uraufführung zu einer guten Zusammenarbeit. Das Stück hieß „die Im Dunkeln“ und handelte vom Widerstand gegen Stalin in der noch jungen DDR. Zwei Zeitzeugen begleiteten damals die Produktion. Einer davon starb wenige Jahre später. Für ihn war das Stück eine späte Katharsis. Denn er hatte überlebt. Aus Zufall. Und das war eine lebenslange Bürde für ihn. Er war in den Endproben des Stückes so bewegt, dass er buchstäblich durchweinte. Denn er sah seine ermordeten Kameraden auf der Bühne. Der folgende Text sei ihm gewidmet. Also Gerhard Schmale, wir vergessen eure Geschichte nicht:

„Die im Dunkeln“ Stück von Mona Becker über Widerstand in Altenburg Szenenfoto

Eigentlich wollte ich heute über etwas ganz anderes schreiben. Ich wollte schreiben über Viehzucht und Fahrradwege. Aber das ist nicht möglich angesichts der Dinge, die sich im Friedrichgymnasium abspielen. Das Friedrichgymnasium hat eine besondere Geschichte. Sie ist so überwältigend ist, dass sie in Deutschland einmalig sein dürfte. Schüler der damaligen Karl Marx Oberschule, wurden wegen ihres Kampfes für Meinungsfreiheit in ihrem jungen Staat DDR in Moskau hingerichtet, andere nach Sibirien geschickt. Sie wollten nach der Nazidiktatur nicht in eine erneute Diktatur gehen. Sie starben mit der neuen DDR Verfassung in der Hand, die sie ernst genommen und von Stalin nicht pervertiert wissen wollten. Das war 1950. Fast hätte man diese Helden vergessen, weil die DDR diese Geschichte unterdrückte. Erst nach 1989 konnte sie gewürdigt werden.

Seit August 2018 treten Kinder und Jugendliche für ihre Zukunft ein. Sie folgen den wissenschaftlichen Erkenntnissen, dass unsere Erde bald für viele hundert Millionen Menschen unbewohnbar sein wird, wenn nicht entschiedene Gegenmaßnahmen eingeleitet werden. Sie treten Freitags dafür ein – zur Schulzeit. Sie tun das, damit die Öffentlichkeit sie wahrnimmt in ihrem Protest gegen ein System, das sie in die Schule schickt und gleichzeitig ihre Zukunft ruiniert. Auf der ganzen Welt demonstrieren diese Kinder – nicht im Friedrichgymnasium. Der Schulleiter untersagt es und nimmt Bezug auf die Schulpflicht. Das ist sein Recht. Nicht sein Recht ist es den Schülern anzudeuten auch die zu notieren, die an Feiertagen demonstrieren gehen. Das ist Machtmißbrauch. Die moralische Pflicht des Schulleiters des Friedrichgymnasium wäre, die Schüler zu ermuntern auf die Strasse zu gehen. Dann hätte er die Geschichte seiner Schule verstanden. Gedenkt der Toten! Kämpft für die Zukunft!

Am Freitag, den 27.09. vor dem Friedrichgymnsium

Die Mühen der Ebene

Cem (Özdemir) kommt. Katrin (GE) kommt. Toni (Hofreiter) kommt. Reinhard (Büttighofer) kommt. Ebenso kommen Dirk (Adams) und Anja (Siegmund). Sie werden „vor Ort“ sein. Sich „den Fragen der Bürger stellen“ . Townhall Format. (Stuhlkreis heißt es in den Kitas) Soviel Prominenz. Soviel wie nie. Trotzdem. Annalena (Baerbock) kommt nicht. Robert (Habeck) kommt nicht. Schon sind wieder welche enttäuscht. Dennoch ist das „ganz großartig“, dieser „unermüdliche Einsatz“ für „unsere Sache“. Soviel Prominenz war noch nie.

Bilder aus dem Netz der Promis für Altenburg

Die Wahlkampagne, Plakate und Design etc. wurde von „den besten Profis“ gemacht. „Aus Berlin“. „Die wissen es echt, haben die neuesten Erhebungen umgesetzt. Komplett neues Wording. In krassen Frames.“ Es ist ein Spiel. Alle kennen und wissen es. Wir sind mitten in der Wahlrealität. Was Wohlmeinende (Eumeniden) mir sagen: „Zieh Dir ein Jackett an, die Leute wollen das.“ „Sing nicht afrikanische Kinderlieder – das schreckt die Leute ab.“ „Lass Dich auf der Gala mal sehen. Ja, das bringt schon was.“ „Mach nicht so ein Gesicht!“ „Hast Du andere Schuhe?“ „Keine Mütze, sonst denken die, Du bist Muslim.“

Soll ich damit anfangen? Jetzt?

Wer ist der beste Promi? Gysi – Ja, der ist bei der Linken, aber dann kommt: Der Landesvater! Bodo! Auch die Linke. Mist. (Filbinger war auch Landesvater mit unglaublicher Zustimmung, dann hat Peymann ihn geschasst.)

Stengele (Kandidat), Spieth (Safranzüchter), Neumann (OB) und Wagner (Coach) simulieren eine Debatte vor dem „grünen Salon“

Es scheint nicht darum zu gehen, wie schön oder richtig die Argumente sind, es geht nur um das, was funktioniert. Was will die Masse? Solche Fragen sind doch obszön. Ist das Politik? Schon während des Schreibens spüre ich Müdigkeit. Sprüche, Sätze, Formeln, leere Trigger. Sie lösen dennoch etwas aus. Etwas, was schwer zu benennen ist. So wie Werbung für Medikamente zur Darmsanierung leichten Stuhldrang auslösen.

Sind wir Menschen einfach doch im Grunde Royalisten? Wir freuen uns, wenn der König kommt, oder seine Abgesandten. Und ist da der Unterschied zwischen Menschen, die in der DDR sozialisiert wurden und denen aus der BRD? Mißtraue ich der Politik in derselben Weise, wie die Enttäuschten in Thüringen. Im Grunde glaube ich an die Redlichkeit der Meisten. Bin ich naiv?

In der BRD gab es, je nach Standpunkt, Staatsmänner und Feinde der Freiheit. „Freiheit statt Sozialismus“ Kiesinger war ein alter Nazi. Da kippte es erstmals. Immerhin wurde er geohrfeigt dafür. Brandt war ein Visionär, Schmidt ein Staats- und Weltenlenker, Kohl der Vater der Wiedervereinigung etc. Und Ulbricht? Und Honnecker? In der DDR gab es nur Kriminelle. Wie fühlt man sich, wenn die herrschende Klasse alle Verbrecher waren? Und wenn die neue herrschende Klasse Lügner sind (blühende Landschaften… .) oder brutale Kaputtsanierer (Hartz IV)? Wenn man in seinem Leben das Gefühl hat nur ausgeliefert zu sein. Alle SEDler waren Verbrecher. Was für ein Quatsch! Alle IMs zynische und verräterische Subjekte. So einfach ist es leider nicht. Aber so ist die offizielle Lesart. Wie soll da Vertrauen entstehen? Wenn einem jede Differenzierung ausgetrieben wurde. Die Behauptung, dass alle Funktionäre der DDR menschenquälende Apparatschicks waren, ist genauso lächerlich, wie die Behauptung dass alle Funktionäre der BRD Demokraten waren.

Wie sagt Rumi? Ich bin nicht vom Osten, oder dem Westen. Ich habe zwei Welten gesehen als eine und die rufe ich an und kenne ich. Erstes, letztes, Inneres, Äußeres – nur dieses: Atem atmende menschliche Wesen. Wie schön.

Wenn ich nach Räumen suche für Veranstaltungen sagen mir alle ab, wenn sie mitkriegen, dass es für Politik ist. Das hat die AfD geschafft. Keiner will Ärger mit wem auch immer. Das nervt, das bin ich nicht gewohnt. Ich bin stigmatisiert: Politiker. «Nein!» will ich rufen. Zoon politicon. So habe ich es in der Schule gelernt. Ein politischer Bürger. Künstler! Menschen sind doch überall Menschen. Ich gebe nicht auf und suche weiter.

Die Reaktion auf die Prominenz, die zu uns kommt, war nach einem ersten Erstaunen leichte Verzweiflung. Wie kriegen wir Leute dafür her? Wer will die denn sehen? Kommen 10 oder 20 oder 30 Interessierte? Das wird mich okkupieren. Aber ich persönlich freu mich. Ehrlich. Auf alle. Toni Hofreiter, der so eine Mischung aus Senner und Quantenphysiker ist. Reinhard Bütighofer, der mit allen Wassern gewaschen scheint und Hedonismus Erfahrung und klugheit gleichermaßen ausstrahlt, Cem, der mutige, scharfsinnige, gutgekleidete Schwabe. Katrin geht zu Nick, der Kandidat des nächsten Wahlkreis ist und sich sehr darüber freut. Und Dirk (Adams) ist glaubwürdig und engagiert und Anja (Siegesmunnd)ist ein Star der Ramelowregierung. Ich sehe meine Aufgabe darin das Beste aus diesen Personen heraus zu locken. Bei Michael Kellner hat das nicht so gut funktioniert. Wie ehrlich darf man sein im Wahlkampf? Nicht sehr ist die ehrliche Antwort. Aber ich gebe nicht auf. Zum zweiten Mal heute schon.

Heidemarie*, Kathrin Göring-Eckardt und Elsa Kreuzmann

Nach einer merkwürdig unruhigen Nacht laufe ich um 8.55 vorsichtig los. Schnell komme ich außer Atem, gehe ein paar Schritte, laufe langsam weiter. Ich will ein wenig angewärmt, auf Puls sein, bevor ich an der Holzbaracke am großen Teich ankomme. Denn heute treffe ich zum zweiten Mal meine persönliche Trainerin Heidemarie*( Name geändert). Sie macht an einer Parkbank Kräftigungsübungen. Mit strahlenden Gesicht begrüßt sie mich in der bereits wärmenden Herbstsonne. Wir geben uns die Hand und traben los. Gott sei Dank bemerke ich nach ein paar hundert Metern, dass es besser geht, dass ich leichter laufe als beim ersten Mal. Wir laufen um den großen Teich in den Stadtwald, der hier ein wirklicher Wald ist. Ein Rundkurs. Eine tolle Strecke, die ordentlich bergauf und bergab geht. Heidemarie redet. Ich kann nicht, oder nur wenig. Sie ist fitter als ich. Sie erzählt vom Inselschwimmen in Kroatien. Sie erzählt, dass sie mit dem Fahrrad hinfuhr. Sie erzählt von den aufregenden Trailmarathons in Namibia, in der Serengeti, vor allem erzählt sie vom Two Oceans Marathon in Südafrika, wo man die 56 Kilometer in höchstens 6 1/2 Stunden zurücklegen muss. Sie schaffte es in sechs. Sie erzählt von der fantastischen Stimmung dort, von den freundlichen, aufregenden, skurrilen Situationen entlang der Strecke, der Musik, den Kochbananen, die sie nicht gegessen hat. Ab und zu streu ich einen Satz ein, damit sie weiß, dass ich noch lebe. Heidemarie´s Gesicht ist von einer sehr schönen Grundbräune mit vielen Fältchen, strahlenden Augen. Ihre Figur ist eher läuferuntypisch, schlank ja, aber gar nicht hager, eher muskulös. Sie ist klein, hat schlohweißes Haar. Ich habe sie bei meinem ersten Feierabendbier im „grünen Salon“ kennengelernt. Sie spazierte vorbei, ich fragte, ob sie ein Bier wolle. Sie setzte sich still zu uns. Auf ihrer Jacke stand Marathon. Ich fragte sie danach, wir kamen ins Gespräch. Später, als mich eine Mitdiskutantin fragte: „Ist denn Altenburg jetzt ihre Heimat“ und ich meinen Heimatbegriff erklärte, der doch eher geistig, denn geographisch sei, sagte Heidemarie: „Meine Heimat ist mein Zelt. Wenn ich da drin bin, egal wo auf der Welt, bin ich zu Hause. Es ist klein, ich trage es im Rucksack bei mir. Oft schlafe ich auch draußen, aber das Zelt schlage ich auf.“ Heidemarie ist siebzig, sie läuft mit mir jetzt einmal die Woche. Zehn Kilometer. Für mich ist das viel. Nicht für Heidemarie.

Später stelle ich fest, dass Nancy im Bioladen mit der Hilfe von Isabell den Tisch schön hergerichtet hat. Da habe ich Essen bestellt. Für Kathrin – KGE wie sie beim Bündnis abgekürzt wird. Es schmeckt gut. Kathrin ist auf eine höfliche Art direkt und unprätentiös. Sie redet viel mit meinem Mitkombattanten, ich beobachte die Szenerie. Sie ist gut informiert, selbstverständlich begleitet sie das Gespräch, sie dominiert es nicht, stellt Fragen. Wir gehen mit ihr zur Farbküche. Anja und Susann erläutern Kathrin und einem Auditorium von ca. zwanzig Menschen das Projekt Stadtmensch. Basisdemokratisch organisiert, erinnert es in seiner Ausrichtung an Bauhaus oder Joseph Beuys. Stadtmensch ermuntert die Bürger von Altenburg kreativ und produktiv ihre Umgebung selbst zu gestalten. Mit den verschiedensten Angeboten über Tanz, Schauspielerei, Malerei, Graffiti, über Spiele am Tisch und in der Stadt entsteht ein Netz von Ideen, originell und lebendig, in verschiedenen Räumen der Stadt. Dr. Horn, der umstrittene Schloßchef, hat maßgeblich beigetragen, bleibt aber ganz still. Zu meiner Überraschung sind es vorwiegend junge Leute, die da mitmachen. Kathrin hört aufmerksam zu, ihre Fragen zeigen, dass sie die Chancen und Probleme schnell erfasst. Eine Lehrerin fragt noch nach der Wahl. KGE spricht von Zweitstimmenkampagne. Das ärgert mich. Wir verabschieden uns. Sie wird nochmals kommen, dann nach Schmölln in Nicks Wahlkreis.

Kathrin Göring – Eckhardt und Susan Seifert in der Farbküche

Ich gehe in den Bioladen, esse meinen Salat auf. „Zweitstimmenkampagne“ denke ich verstimmt, während ich vor die Tür trete. Eine Frau macht Fotos von der Brüderkirche. „Schön, oder?“ rufe ich ihr zu. Sie sagt: “ Ja! Und sehr persönlich!“ Ihr Großvater hatte da geheiratet 1926. Seine Frau hieß Elsa.

„Elsa, war nicht meine Großmutter. Mein Opa hatte sich getrennt.“ „Jüdisch?“ frage ich. „Nein, katholisch. Keine Nazis in der Familie“ sagt sie. Das Gespräch ist sehr offen, konkret und erstaunlich vertraut. Morgen geht sie auf den Friedhof, dann zurück nach Berlin. Sie heißt Schmidt. Elsa hieß Kreuzmann. Elsa Kreuzmann. Sie war manisch depressiv und ab 1927 in einer Klinik. Sie wurde 1940 im Zuge der Aktion T4 ermordet. Frau Schmidt trägt ihre Geschichte zusammen.

Ich gehe nach Hause. Mir wird klar, dass ich den ganzen Tag vor allem mit Frauen zu tun hatte, mit Frauen, die ihre eigenen Weg gehen.

Who the fuck needs politics

Brüderkirche

Ein bißchen quäle ich mich schon zu diesem Familiennachmittag in der Brüderkirche. Es ist eine wunderschöne Kirche, im Inneren fast rund, große Orgel, die auch Max Reger gut abbilden kann. Hier haben wir demonstriert gegen Thügida, haben gefroren, bei 7° Celsius stundenlang geprobt. Rachelle schlief alle 3 Minuten ein, so kalt war es. Familiennachmittag – der Kandidat von Bündnis 90/ die Grünen (also ich) lässt sich sehen, wie auch der der Linken. Der von der CDU wird durch den OB vertreten. Gegen 15.00 gehe ich hin. Pfarrer A.G. ist da, der gegen die Stasi aufbegehrte. Er bastelt mit seiner Tochter, die heißt wie sein Vater, zusammen Insektenwohnungen aus Lehmziegeln mit andern Kindern zusammen, erklärt, wie wichtig Insekten für die Welt sind. Auf der Freitreppe treffe ich eine Frau, die mir 100,00 Euro für meinen Wahlkampf gibt. Daneben ein Secondhandstand für Kinderklamotten mit klugen Hinweisen auf Resourcenschonung, weiter Hüpfburg, eine kleine Bühne, vier Tischkicker wo Erwachsene und Kinder leidenschaftlich ein Turnier bestreiten. Der OB spielt richtig gut. Da blamiere ich mich lieber nicht, sondern kommentiere lustig. In der Mitmachküche gibt es selbst angesetzten Kefir, Eierkuchen mit Sprossen, vegetarische Borschtsch, mittelmäßigen Kaffee, den ich gratis bekomme und für den ich dankbar bin. Viele begrüßen mich freundlich, lachen, wahnsinnig viele wilde Kinder, die miteinander spielen. Das klingt so selbstverständlich. Ist es das? Mütter und Väter machen alle mit. Nicht, dass die einen sich kümmern und die andern Bier trinken. Ich frag drei Kinder ob sie mir helfen die Trommeln zu holen. Sofort sprinten sie los. Freuen sich sichtlich. Vor allem die Eine. Vier Jahre alt und immer ganz aufgeregt. Wir trommeln: „ICH bin klasse, DU bist klasse, WIR sind klasse.“ Ich bastle noch einen Rhythmus aus Hu(!)ssan, Ibrahim und Salma, sie freuen sich und singen dann „Kobangate“ drüber. Dann nach den üblichen technischen Problemen ein kleines Theaterstück mit Mutter Erde in der Hauptrolle, die hofft, dass sie noch oft kommen darf auf dieses Fest. Das ist nicht sicher, weil die Zeiten schwer sind. Es gibt im Stück eine reale Geburtstagstorte für zwanzig Jahre Weltladen. Sie wird an die Kinder verteilt. Der andere junge, kluge und witzige Pfarrer will zum Abschluss beten, aber alle haben den Mund voll. Ich diskutiere nochmal Schulpflicht und verstehe die Bedenken über unser Schulsystem, sehe die wilden Kinder, die geschminkt, dreckig, laut und entspannt sind. Und hoffe, dass sie es lange bleiben dürfen.

Trommelkurs

Feuershow mit einer Tänzerin, die aus den einengenden Fesseln des Staatsballett ausbrach und gut vom Feuertanz leben kann. Ich bewundere ihren Mut, wir reden offen und verstehen uns. Sie muss gleich los, noch ein Auftritt woanders. Ich trinke Bier am Lagerfeuer und trommele ein bißchen, ich kann das ja nicht gut, aber ich trau mich, weil ich weiß, dass mich niemand kritisieren will und auch leise spielen kann.

Kuchen backen

I. meint, ich solle doch ein Künstlerdorf mitten im Ort aufmachen. Ihr Mann, mit Schicksal und großem Herzen, hilft mir beim Trommeln einsammeln. Alle bezahlen ständig ein paar Centfuffzig für alles. Kein Konsum, kein Prahlen, kein SUV, kein Aufhebens. Nur einmal ein Gespräch über AfD. Der wilde Osten. Who the Fuck needs Politics?