Baumkreuz, Bürgerrechte, Beuys

Wenn das Wetter mitspielt, ist es ein Erlebnis durch Thüringen zu fahren. Heute spielt es mit. Ich starte am 07. November 2020 bei Minus 1,5 Grad in Erfurt, bei aufgehender Sonne um 08.00 mit meinem Golf Plus (Diesel, Baujahr 2005, 281.000 km, nicht kaputt zu kriegen) über Gotha und Eisenach nach Ifta. Zum Baumkreuz, zum alljährlichen Bäumepflanzen am ehemaligen Todesstreifen. Nebel hängt in den Tälern, die Bäume sind weitgehend entlaubt, nurmehr ganz wenige rote Blätter hängen an fast kahlen Ästen. Vor allem aber liegen sie um die Bäume, an den Strassenrändern. „Les feuilles mortes“ von Jaques Prevert fällt mir ein: „der Nordwind treibt die Blätter und mit ihnen die Erinnerungen von Freude und Leid …“. Ende Oktober habe ich es gesungen, öffentlich. Im Bewusstsein eines näher kommenden Lockdowns genoss ich das ganz bewusst mit dem Publikum. Jetzt, im Auto, genieß ich es nur noch für mich. Der Herbst rührt mich seit meiner Kindheit. Ich möchte ihn nicht missen. Alle großen Veränderungen in meinem Leben begannen im Herbst. Paris, Senegal, die Spielzeiten im Theater. Alles begann im Herbst, in dem klaren Licht. Da entsteht diese Melancholie, die oberhalb des Brustbeins sitzt und mich tief einatmen und ausseufzen lässt. Man/frau sagt, das wäre ein deutsches Gefühl, diese Ankündigung des Winters, des Todes, der Vergänglichkeit. Ich bezweifle das. Es ist ein Reaktion auf das Licht, die Temperatur und den Geruch, der im Herbst entsteht – in Erwartung des Winters. Bei Menschen, die das erleben wollen. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Um 09.00 komme ich beim Baumkreuz an. Pünktlich. Das mag ich. Etliche Menschen, vielleicht 30, sind schon da. Wie begrüßt man/frau sich im Lockdown, wenn man/frau sich nicht kennt oder nur ganz flüchtig, mit Maske im Gesicht? Freundliches Nicken, brummen, manchal ein deutlicher Gruß. Im Sommer war ich erstmals hier. Bei unserer Tournee am Grünen Band entlang. Und ich war begeistert von der Idee, von der Konkretion, von dem Ort. Und natürlich vom Spiritus Rector der Idee, von Joseph Beuys. Die soziale Plastik, der erweiterte Kunstbegriff, das sind Orientierungen, die mich schon so lange begleiten – auch ohne dass mir das immer bewußt war. Vor zwei Jahren, anläßlich eines Auftritts in Düsseldorf, trat Beuys mit kräftigem Schritt laut in mein Leben. Hier finde ich ihn manifestiert.

Am Baumkreuz in Ifta …

Seit 30 Jahren versammeln sich Menschen in Ifta, um Bäume zu pflanzen an beiden Seiten des Grenzzauns, am ehemaligen Todesstreifen entlang. In Kreuzform entwickelt sich hier ein lebendiger Organismus in Ahnlehnung an „Stadtverwaldung statt Sadtverwaltung“ und „Siebentausend Bäume in Kassel“. Das Baumkreuz steht für Frieden in allen Himmelsrichtungen, mit allen Geschöpfen und der Erde. Planetare Grenzen ist der Begriff, der bei Fridays for Future die dramatische Notwendigkeit diese Haltung dringender und lauter ins Bewusstsein einer achtlosen Öffentlichkeit bringen will. Heute bin ich erstmals dabei. Um 9.20 etwa hält einer der Mitinitiatoren, der Pfarrer, Künstler und Bürgerrechtler Ralf-Uwe Beck eine kurze, sehr inspirierende Rede. Ich vermute, dass er inzwischen gar nicht mehr anders kann, als Dinge zu sagen, die einen ins Mark treffen. „Um das gleich mal klar zu stellen: ich bin Ossi!“, so begann er im Sommer, als er uns 5 Künstler*innen aus 3 Ländern und 2 Kontinenten das Baumkreuz vorstellte. Und er sprach über seine Defintion von „Ossi-Sein“. Es entlastete mich, mein Atem wurde tiefer und ich entspannte mich. So auch heute. Ralf-Uwe spricht über Weihnachten und über die Flüchtlingsfrage, den fortlaufenden Skandal auf den griechischen Inseln. Er spricht mit klaren, direkten, offenen Worten klare Situationen an – und wieder spüre ich die Entspannung, die das in mir hervorruft. Er wohnt in seinem Körper, seine Gesten sind einfach, seine Stimme kräftig, sein Gesicht gelebt und die ganze Rede atmet Offenheit und Großzügigkeit, ja durchaus Humor. Nach ihm spricht Johannes Stüttgen, der Beuys-Begleiter und Künstler, über Beuys, die soziale Plastik und direkte Demokratie (Titelbild). Auch er inspiriert mit seinen Worten, mit seinem Denken. Ein Denken, das tiefer im Menschen wohnt als die reine Ratio erklärt er. Ein Denken, das die Gefühle, die Verdauung, das Mensch-Sein einschließt. Ein Denken, das Tiere und Pflanzen integriert. Die Buddhisten nennen es das klare Bewußtsein. Aus diesem Denken geht die soziale Plastik hervor. „Albert Schweitzer nennt es das elementare Denken“, ergänze ich später im Gespräch.

Dann geht es ans Bäume pflanzen. Ich habe es noch nie getan. Heute ist es soweit. Es sind Ahornbäumchen, weil es für die Esche zu schwer geworden ist mit der Dürre in den letzten Jahren. Gruppen versammeln sich, die sich kennen, Baumgemeinschaften, coronasicher. Zuerst wird mit Pickel und Spaten ein Loch gegraben, dann die Ramme geholt; ein simples, dumm aussehendes Gerät, welches auf die zur Stabilisierung gedachten Stangen aufsetzt wird. Zu dritt und mit Schwung rammt man/frau es nach unten, um die Stangen so in der Erde zu fixieren, so dass sie dem Bäumchen Halt und Schutz bieten können, bis es alleine leben kann. Das karge Bäumchen, 2,50 Meter hoch wird mit seiner Wurzel leicht eingegraben, die Erde wird etwas festgestampft in mehreren Etappen, „Aber nicht zu tief!“, ruft Ralf-Uwe, „nur bis zur Flechte“, und zeigt auf moosigen Grün am dünnen Stamm. „Sonst kann es nicht atmen.“ Ich lerne. Dann gehe ich durchs Gelände, drehe ein paar Sekunden Werbung für die Thüringer Grünen und lerne eine Künstlerin kennen, die ein Interview mit mir macht und mir von ihrer Lichtoper erzählt – Ella. Sie lädt mich ein, teilzunehmen an ihren Projekten. Drei Becher Kaffee, ein paar Brote mit Schafs- und Ziegenkäse.

Ralf-Uwe Beck erklärt, wie man/frau Bäume pflanzt

Es ist gegen 13.00. Ich fahre los, nach Weimar. Dort treffe ich auf den wundervollen Bassbariton Uwe Schenker-Primus, der eine Demonstration organisiert hat: „Kunst der Solidarität.“ Er lebt mit seiner Familie in einem Strohhaus, das seine Frau konzipiert hat, und singt an der Oper. Uns verbindet eine tiefe, wenn auch nicht häufig gelebte, aus der Kunst kommende Freundschaft. Wir stehen auf dem Theaterplatz in Weimar neben Schiller und Goethe, die lächerlich heroisch in die Welt blicken, und gedenken schweigend all der Solo-Selbständigen, die es besonders schwer haben in dieser Zeit von Corona. Zum Beispiel der Puppenspieler Kontil Kontiolassou in Burkina Faso, dem ich 50 Euro schickte, damit seine Frau zum Entbinden ins Krankenhaus konnte. Felix, ein kräftiger, sympathischer Junge mit lockigem Haar und nackten Waden, filmt mich kurz für meine Werbung für die Grünen in Thüringen. Auf dem Rückweg nach Erfurt bin ich so beschwingt, wie seit langem nicht mehr. Dann höre ich von den Querdenkern in Leipzig… .

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