Pessach, Karfreitag, Buchenwald

Heute ist der dritte Tag der Pessach-Woche. 

Pessach heißt: „das Vorübergehen“. Die Juden bereiten sich symbolisch auf den Tag vor, an dem sie die Sklaverei hinter sich ließen und mutig in ein unbekanntes Land zogen – das Land der Freiheit. Sie essen nurmehr Ungesäuertes, sie reinigen all ihre Habseligkeiten und bereiten sich vor. Sie tun das seit tausenden von Jahren im Gedenken an das Ende der Sklaverei. An den Kampf um Freiheit und Selbstbestimmung. Ein Kampf, der auch heute an so vielen Orten der Welt geführt werden muss, auch zum Beispiel an einem vergleichsweise neuen Ort, nämlich dem Internet. 

Heute ist auch Karfreitag.

Das ist der Tag, an dem nach der Legende ein Mensch ermordet wurde, der nichts anderes im Sinn hatte als seine Botschaft von Friedfertigkeit zu vertreten. Er vertrat die Auffassung, dass Traditionen nicht so wichtig sind wie gelebtes Miteinander. Er kannte keine Ausgrenzungen, akzeptierte Frauen und Männer unabhängig von ihrem sozialen Status. Und er widerrief diese Gedanken auch nicht angesichts großer Gefahr und massiver Repression. 

Heute ist ein Tag, an dem ich mir bewußt mache, wie privilegiert ich lebe – auch in Corona Zeiten. Und dass ich mir das nicht verdient habe, sondern es mir einfach zu-fällt. Deshalb denke ich heute an mutige Menschen auf der ganzen Welt, die mehr riskieren als ich, die unter Repressionen leiden, denen Krieg, Diktatur, Vertreibung und Elend zu-fiel – und die damit umgehen müssen.

Ich denke auch daran, dass mein Wohlstand sich gründet auf dem Elend anderer Menschen und dass ich mir das noch immer zu selten bewußt mache und noch immer und immer wieder rätsele, was die Konsequenzen sind, die ich daraus ziehen muss und ob ich sie richtig und ausreichend ziehe.

Ich denke daran, dass es vor, während und nach Corona eine Herausforderung gibt, von der die Zukunft von unendlich vielen Lebewesen abhängt, die in diesem feinen, hochkomplexen, schwarmintelligenten System der Erde leben. Es ist die Herausforderung die falsche Vorstellung von der Unendlichkeit der irdische Ressourcen und der nicht endenden Gutmütigkeit des Planeten nicht nur zu erkennen, sondern hinter uns zu lassen. Denn die Gefährdung durch die Klimakrise, der schwindenden Biodiversität ist eine Gefährdung epischen Ausmaßes. Wir verzehren unsere Lebensgrundlagen und glauben noch immer sie wachsen wieder nach. Oder wir bauen einfach Neue.

Ich frage mich, ob wir herausfinden aus der Falle der materiellen Gefräßigkeit hin zur Freiheit der Einfachheit. 

Heute ist noch nicht Ostern, heute und morgen sind Tage, wo wir uns aus der christlichen Tradition mit der Trübsal des Lebens, mit der Ungerechtigkeit, den dunklen Seiten unserer Existenz beschäftigen. Heute ist nach jüdischem Verständnis noch Sklaverei, noch ist die Feier der Morgenröte nicht angebrochen. Dann erst brechen die Sklaven aus Ägypten auf und ziehen 40 Jahre! durch die Wüste, um ihr Land der Freiheit zu erreichen. Und erst in der Morgenröte (Ostern) finden die Frauen das Grab leer, in das Jesus gelegt wurde und erfahren vom Mysterium der Auferstehung.

Es ist heutzutage nicht besonders üblich darauf hinzuweisen, dass materieller Wohlstand kein natürlicher Zustand, sondern eine gefährliche und herausfordernde Aufgabe im Zusammenspiel mit Mitwelt und Mitmenschen ist. Es erscheint uncool zu erzählen, dass Frieden nicht die Regel ist und jeden Tag neu gestiftet werden muss und dass Probleme, Leid und Ungerechtigkeit nicht die Ausnahme sind, sondern schon immer zur Existenz gehörten. Die Vorstellung vom natürlich friedlichen Zustand ist Kitsch und Esoterik und diesen Zustand gab es nie. Oder eben damals im Paradiese, aus dem wir nach jüdisch-christlicher Vorstellung ja vertrieben wurden. 

Der Mensch ist auf gelingende Beziehungen angelegt, so sagen wichtige Neurologen und ich entgegne heute am Karfreitag, dass er offenbar ebenso Egoismus und Brutalität in sich trägt.

Morgen am Karsamstag ist der Tag der Buchenwald-Befreiung. Das Wort erwähnt leider nicht die mutigen Insassen, die diese Befreiung so entscheidend unterstützt haben, geschwächt, krank und unterernährt. Das Denken an den Buchenwaldschwur muss einschließen ein Nachdenken über die eigene Verantwortung. Ja, ich muss natürlich den Nazis widerstehen und das ist eine überragend wichtige Aufgabe. Aber das ist nicht nur ein äußerer Vorgang. Dazu tauche ich auch tief in meine Gefühls- und Gedankenwelt ein und suche die dunklen Ecken auf, die antisemitische, rassistische und sexistische Verkapselungen beherbergen. Das ist kein angenehmer Vorgang. Aber ohne den Mut mich selbst anzuschauen, kann ich nicht frei agieren und werde zum Spielball meiner eigenen Selbsttäuschungen. Ich muss in meinem Inneren mit derselben Intensität die Gefährdungen betrachten, wie ich sie im Außen wahrnehme. Zu diesen Gefährdungen gehören so scheinbar banale Dinge wie Gleichgültigkeit und Faulheit und Konsumsucht. Und auch politisches Geschwätz. Jedes konsequenzlose Lamentieren über Missverhältnisse perpetuiert diese Mißstände. Die Entlastung und billige Zustimmung ist teuer bezahlt. 

Heute ist Karfreitag. Heute denke ich nach über den Luxus meines Lebens und den Gefährdungen und den Konsequenzen daraus.  

Der Aufbruch aus der Sklaverei setzt das voraus. So gedenken die Juden, sie reinigen ihre Habseligkeiten, werfen das Überflüssige und Saure weg und machen sich bereit, bewegt von der Sehnsucht nach Freiheit.

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