Welttag des Theaters

„Leben ist nur ein wandelnd Schattenbild,

Ein armer Komödiant, der spreizt und knirscht

Sein Stündchen auf der Bühn und dann nicht mehr

Vernommen wird; ein Märchen ist’s, erzählt

Von einem Blöden, voller Klang und Wut,

Das nichts bedeutet.“

(Shakespeare, Macbeth, 5/5)

Diese Worte spricht Macbeth am Ende seiner Diktatur, nachdem seine Frau tot, seine Gefährten von ihm selbst ermordet und er allein, ganz allein ist. In dieser Situation wählt der Schauspieler Shakespeare wieder einmal das Bild der Bühne als Analogie zum Leben des machthungrigen Despoten, so traurig, so verzweifelt – sein Leben ist ein schlechtes Schauspiel. 

Zum Welttheatertag ist es vielleicht angemessen, einmal ein bißchen tiefer in die Betrachtung einzusteigen über das Wesen der Schauspielkunst. 

Schauspielerei scheint ein menschliches Grundbedürfnis zu sein, denn es gibt sie überall und zu jeder Zeit – so sagt die Forschung. Das Bedürfnis, Geschichten zu erzählen, um unsere Wirklichkeit verstehbar zu machen, Geschichten zu erzählen um Gemeinsamkeit und Identität zu schaffen, das Bedürfnis, Geschichten zu erzählen, um uns zu trösten in der schrecklichsten Trauer, in der größten Verzweiflung, aber auch die größte Freude zu teilen, wohnt in uns. Die Lust am Schauspiel ist ein zutiefst menschlicher Zug, gleich der Lust an seinen Geschwistern Musik, Literatur, Tanz und Malerei. Es sind Geschwister, die am liebsten zusammen spielen, die nicht konkurrieren, die sich ergänzen, die dennoch auch ganz eigenständig sind. Für jedes von diesen Geschwistern gab und gibt es harte, ja brutale Zeiten. Das Schauspiel war dennoch der Bastard, der Dropout, der Herumtreiber, dessen Schule immer das Leben war, der nicht zu Hause sitzen konnte, um zu üben. Er ist der Gläubige, der selbst im Gottesdienst nicht das Gefühl der Lust und Verführung ausklammern konnte und wollte, die seine Kirche doch leugnet bis in die jüngste Zeit des Missbrauchs. Die Schauspielerin weiß um die ständig wirbelnden Gedanken und Gefühle um Sex, Macht, Eifersucht und Gier, die in jeder noch so keuschen Handlung oder Meinung stecken. Auch sie sucht nach Anerkennung, sie will gesehen werden, sie will direkte Zuneigung – verzweifelt dringend. Wie so viele Menschen. Aber sie weiß davon.

Sie weiß um die Abgründe der am Gemeinwohl interessierten, sie leugnet weder die Widersprüchlichkeiten der Welt, noch der Menschen. Sie spürt der Mordlust, dem Machtinstinkt und der Pädophilie ebenso nach wie dem Altruismus, der Großzügigkeit, dem Idealismus, der Religiosität und dem Gerechtigkeitssinn. Sie leugnet nicht Wesenszüge, nur weil sie in nicht ins Bild passen, nein, sie sucht sie auf. Das macht sie unberechenbar. Die Theaterkunst ist nicht leicht zu disziplinieren, die Mächtigen fürchten sie, denn sie strahlt die Anarchie und Freiheit der menschlichen Existenz mit jeder Bewegung ihres normalen menschlichen Körpers aus. Das ist die permanente Provokation, die die Theaterkunst in sich trägt – zeigen was ist, einfach menschlich sein. Deshalb wird sie von Despoten bekämpft, von Demokratien vereinnahmt und vom Kapitalismus ausgebeutet.

Bis zur Kenntlichkeit entstellen nannte Bertolt Brecht das, und Max Reinhart formulierte, dass Schauspielerei nicht die Kunst der Verstellung, sondern der Enthüllung ist. Enthüllung aber macht Angst im Politischen, wie im Persönlichen. So wurde immer wieder versucht, sie zu unterdrücken. Schauspieler*innen wurden immer in die Nähe der niedrigsten Berufe gestellt, wurden als Prostituierte, Gesindel, Verbrecher*innen, Homosexuelle gebrandmarkt. Denn das Alles galt ja als niedrig auch in Mitteleuropa bis vor wenigen Jahren. Schauspiel gilt heute noch als verachtenswert in vielen Ländern der Welt, ebenso wie schwul sein, und ebenso wie Prostituierte in den meisten Gegenden der Welt weder Rechte noch Respekt bekommen. In manchen muslimischen wie christlichen oder auch jüdischen Richtungen gilt Schauspiel als Sünde. In vielen Gesellschaften ist es nicht anerkannt. Das CITO Theatre in Ouagadougou (Burkina Faso) beispielsweise kämpft sein Jahren um Anerkennung der Schauspielerei als Beruf, sie kämpfen darum, in die Rentenkasse einzahlen zu dürfen.

Denn die allermeisten Schauspieler auf dieser Welt leben in prekären Verhältnissen. Sie werden so miserabel bezahlt wie Jazzmusiker, die ja auch diesen nicht wegzulobenden Kern von Anarchie in sich tragen; sie werden beklatscht, gelobt und heimlich verachtet. Und schlecht bezahlt. Das ist ein Skandal in einer Zeit, in der Coaches für Kommunikation, Gruppendynamik und Konfliktbewältigung so ordentliche Tagessätze wie Rechtsanwälte haben und Übungen benutzen, die allesamt aus dem Clownstheater stammen. Der Klinikclown aber, der manchmal in seiner materiellen Verzweiflung solche Coaches unterrichtet, bekommt nicht ein Zehntel dieser Tagesgage. Auf die Frage, warum dann der Klinkclown nicht Coach wird, antworten wir mit Beuys, weil er ein Künstler, in dem Fall auch noch ein altruistischer Künstler ist. Ein Künstler ist der Mensch, der sein größtes Glück darin findet, sich auszudrücken und damit andere zu erreichen. Dieses Glück ist größer als die Lockungen des Geldes und des Status oder des Ruhms. Intrinsische Motivation nennt man das. Und auch die ist gefährlich, denn an sie kommt man nicht leicht ran und kann sie schwer kapitalisieren. Manche aber tun das natürlich. Und so landen wir beim Kapitalismus. Denn er hat – wie so oft – eine Umarmungsstrategie gefunden, die die gefährliche Freiheit der Kunst wegbezahlt. Ja, als Schauspieler kann man viel Geld verdienen, man kann weltberühmt werden. Und es sind weder die Besten, die das tun, noch die Schlechtesten. Sie tun es aus Zufall, Ehrgeiz oder Not. Viele aber werden durch das Geld verführt, für Produkte Werbung zu machen, die sie verachten, ihre Kunst der Enthüllung zu einem Handwerk der Verstellung zu machen – in seichten Formaten. Und diese Formate dienen nur, uns von der tiefsten Erkenntnis abzulenken, die wir haben. Der Erkenntnis nämlich, dass wir sterblich sind. Eine Erkenntnis, die herbeizuführen die edelste Aufgabe des Schauspiels ist (dicht gefolgt von der Aufgabe, Vergnügen zu bereiten). Und diese Erkenntnis führt weg vom Konsum, hin zu einer Haltung des Teilens, der Anspruchslosigkeit und des Respektes gegenüber Mensch und Natur. Und das ist ja im Kapitalismus schon wieder gefährlich. Und doch so dringend nötig in der Zeit der Klimakrise.

Und so ende ich am Tag des Theaters mit Shakespeare, mit demselben Bild, nur milder gestimmt:

Die ganze Welt ist Bühne

Und alle Fraun und Männer bloße Spieler. 

Sie haben ihre Eingänge und ihre Ausgänge, 

und ein Mensch ins seiner Zeit spielt viele Teile.

(Shakespeare, Was ihr wollt, 2/2)

Alle tun es. Die Schauspielerin weiß es. 

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