Wieder Vereinigung

Ich bin eingeladen nach Gera. Am Vorabend des Mauerfalls. Das steht in keinem Zusammenhang. Denke ich jedenfalls. Jedenfalls war das nicht der Anlass und doch war es ein Abend des Feierns und des Nachdenkens über den Mauerfall.

René Prautsch, der jetzige Technische Direktor meines ehemaligen Theaters hat mich als heimlichen Gast zu einem kleinen Familienessen gebeten. Heimlich, weil er seinen Vater überraschen will. Peter Prautsch ist ein wundervoller Schauspieler, jetzt bald 73, immer noch aktiv. Er ist einer der wenigen Künstler, die es geschafft haben sich den Enthusiasmus, den Spieltrieb, die unbedingte Hingabe an diesen so anspruchsvollen Beruf weit über fünfzig Jahre lang zu erhalten. Peter und ich schätzen uns sehr. Als ich ihm erstmals begegnete machte er einen müden und erschöpften Eindruck. Ich nahm ihn aus der Produktion. Er war erleichtert. Das war Kasimir und Karoline. Und ich war mir nicht sicher, ob er einfach keine Lust hatte schon wieder einem neuen Schauspieldirektor zu begegnen, oder ob er wirklich einfach erschöpft war. Danach hatten wir wundervolle Projekte zusammen. „Die im Dunkeln“ das Peter heute kritisch hinterfragt, wegen der zu strengen Sicht auf die Sowjetunion, aber als sehr wichtige, intensive und notwendige Produktion bezeichnet.

Peter und Rene Prautsch – 3. und 4. Generation im Theater. Jeweils ein Sohn der beiden arbeitet auch im Theater

Zuletzt holte ich ihn für: „Cohn Bucky Levy – der Verlust“ auf die Bühne zurück. Wir erlebten diese Zeit in Israel, im Jaffatheater, in den Palästinensergebieten, in Altenburg, in Buchenwald, mit den Nachfahren der jüdischen Familie. Und wir waren uns der Kostbarkeit dieser Augenblicke stets bewußt. Wir redeten nie viel miteinander. Wir hatten dieses stille Einverständnis, das ich am meisten liebte in dem Beruf. Man begegnet und erkennt sich und braucht darüber nie zu sprechen. Und er rettete die Produktion. Als Yara Yarrar, die blutjunge palästinensische Schauspielerin und Aktivistin aussteigen wollte, schaffte er es durch seine Wärme und Zugewandtheit ihr das Vertrauen zurückzugeben eine Produktion über jüdisches Leben zu machen. Was ja schließlich keine Kleinigkeit ist.

Yara Yarrar tanzt auf dem Tisch

Sein Sohn René, seine Frau Manuela, Lehrerin und stark in der Flüchtlingsintegration engagiert luden uns also ein. Peter kam mit seiner ebenso klugen, wie warmherzigen Frau Yamuna. Er hatte Hirschgulasch mit Klößen gekocht und mitgebracht, ich Hühnereier von meinem Freund K. Die Überraschung glückte und die Wiedersehensfreude war groß. Wir tranken Freiberger Bier, eines dieser lokalen Biere im Osten, die besonders wohlschmeckend herb sind. Und wir fingen an unsere Geschichten zu erzählen. Und so wurde der Abend zu einer großen gesamtdeutschen Erzählung. Peter wurde wegen des Krieges in Graz geboren. Sein Vater war ebenfalls Schauspieler, der sich in Österreich mit Puppentheater über Wasser hielt und dann in die DDR wollte, weil er den Sozialismus für die vielversprechendere Staatsform hielt. „Genau wie mein Vater“ werfe ich ein, „der wollte auch rüber zu seiner Verlobten, er fand die DDR spannend, das aber verhinderte meine Großmutter!“

Und Peter , der im Herzen immer noch ein Sozialist ist und Anteil nimmt an der Ungerechtigkeit in der Welt, die er grade reisend entdeckt, der sich Frieden wünscht und Herzlichkeit, erzählte vom Theatermachen in der DDR, wie wichtig und anerkannt es war, wie alle Bevölkerungsschichten ins Theater gelockt wurden. Das hatte nichts Verklärendes, sondern er beschrieb es. Er erwähnte die Schrecken der Stasi, das ewige überwacht werden ebenso, wie die kollegiale Solidarität. „Und den Norbert Stoess haben sie dann weggesperrt, nach Bautzen, weil er das Falsche sagte auf der Bühne. Also das Richtige“ sagt Rene. Mein lieber Kollege Norbert Stoess, dessen DDR – Geschichten ich damals in Konstanz, als wir 1993 gemeinsam engagiert waren, nicht hören wollte, ignorant wie ich war.

Norbert Stoess Schauspieler mit Zivilcourage

Peter erzählt weiter wie er nach dem Mauerfall seine jetzige Frau Yamuna am Theater in Hof kennenlernte. Sie spielten beide in einer Boulevardkomödie. Yamuna, deren Vater aus Indien eingewandert war und die in München aufwuchs und das akzentfreieste Hochdeutsch spricht, das ich je gehört habe, erzählt, wie sie als fremd aussehende Frau in Deutschland lebte und lebt. René, Peters Sohn aus erster Ehe, der zuerst Schäfer lernte und lebte und dann zum Theater ging als Bühnenarbeiter, um die vierte Theatergeneration der Prautsch zu etablieren, lernte seine bulgarischstämmige Frau Manuela auch um die Zeit der Wiedervereinigung kennen. Manuela, die in Yamuna verbündete Freundin und Schwiegermutter zugleich fand, vermisst das einfache bäuerliche Leben in Bulgarien bis heute. Sie zeigte uns ein Bild ihrer Großmutter und wir sprechen von geglücktem Leben. Allen ist bewußt, dass die Wiedervereinigung sie zusammengebracht hat. Wir reden über Brüche im Leben. Und was Wohlstand bedeutet. Und was Armut ist.

Mara Iwanova Kartschewa aus Zvesdetz in Bulgarien nahe Türkei

„Armut“ behaupte ich, „bei uns ist das nicht teilhaben können oder dürfen am gesellschaftlichen Leben, es ist weniger direkt vom Geld abhängig, als man glaubt. Indirekt aber spielt Geld eine wichtige Rolle, weil es Zugang zur Gesellschaft verschafft.“

Und wir sprechen und trinken Bier und am Ende tanzen Peter und ich zum Lied „Aisha“ von Khaled. Yamuna filmt uns. Und wir schicken das kleine Video an Öykü Oktai nach Istanbul, weil Peter das Lied in Jaffa/ Tel Aviv mit ihr immer sang. Und ein wenig betrunken und sentimental umarmen wir uns und Peter sagt: „ Israel, ach das war die beste Produktion“ und ich torkele in mein Bett in Gera. Und René sagt zum Schluß, daß nebenan der AfD Frontmann Brandner wohne. Krass. Direkt nebenan.

Morgen fahre ich in den Westen. Heute bin ich betrunken und glücklich und zu Hause. Mal wieder für ein paar Stunden.

Bernhard, Peter,Yamuna, Manuela und Rene

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