Um sechse isch over …

Heute wird gewählt. Viele haben es schon per Briefwahl gemacht. Das erzählen Sie mir ganz erleichtert, wenn ich Ihnen einen Flyer andrehen will, dann müssen sie ihn nicht nehmen.

Der Wahlkampf ist vorbei. Zwei Monate habe ich intensiv daran gearbeitet. Mit tollen Leuten. Ohne Chance. Das wurde mir in den letzten Tagen immer wieder bewußt, nachdem ich es eine ganze Zeitlang ganz nach hinten gedrängt hatte.

Wahlkampf mit meinem grünen Kollegen Nick Purand

Es gibt keinen überragenden Grund, mich nicht zu wählen. Ich habe keinen direkten AfD-Gegenspieler, nur SPD, Linke und CDU. Dennoch: es wird sich entscheiden zwischen dem Linken und der CDU. Deshalb werden etliche, die mich eigentlich wählen könnten, den Linken wählen. Damit der reinkommt. Einfach ein Mandat, das zählt. Darüber kann man nun lange spekulieren, ob das richtig ist, oder nicht. Und dann gibt es ja ganz viele, die mich sowieso für unwählbar halten, die einen Künstler grundsätzlich für einen Scharlatan halten. Und mich sowieso, der ich ihrer Stadt doch so geschadet habe. Der Ex-OB hat, als er damals diese Pressemitteilung rausgab, wirklich einen Volltreffer gelandet.

Als ich herfuhr im August und mitten in der Nacht ankam, hab ich einen echten Verzweiflungsanfall gehabt. Eine Schlacht zu schlagen, die ich nicht gewinnen kann, monatelang für etwas zu kämpfen, das nicht erzielbar ist, war eine Aussicht, die mich für einen Moment richtig erschüttert hat.

Anreise nach Altenburg im Regen

Und das an einem Ort, wo ich einen legendären Ruf hatte, wo ich das beste Theater meines Lebens gemacht habe, wo ich zwar umstritten, aber auch sehr geachtet war. Und ich wußte, dass ich diesen Ruf verlieren würde. Und das wollte ich auch ein Stück weit. In manchen Momenten hat es mich tief verletzt. Die Tatsache zum Beispiel, dass ich jetzt dafür bezahlte, damit Leute sich Lieder und Gedichte anhörten – oder ich jedenfalls kein Geld dafür bekam. Nachdem ich früher oft vor 750 Leuten aufgetreten war, nachdem ich damit immer gut Geld verdient hatte. Und ich bin ja nicht zu alt dafür. Und auch nicht schlechter geworden. Das waren bittere Momente. Am Donnerstag haben wir in der Brüderkirche ein Programm gemacht: „Die Schöpfung – ein ökologisches Manifest“. Vor fünf Jahren war die Kirche bei einer ähnlichen Veranstaltung mit 300 Menschen gefüllt, letzten Donnerstag waren es vielleicht zehn. Das sind krasse Momente.

Das ökologische Manifest

Andererseits hatte ich gute Gründe diesen Wahlkampf zu machen. Da ist die Klimakrise und die daraus resultierenden Verheerungen auch in sozialer Hinsicht. Das ist der Grund, für diese Partei einzutreten, die hier in Ostthüringen einen verheerenden Ruf hat. Dann ist da Ostthüringen, das einen verheerenden Ruf hat, obwohl es hier so großartige Menschen gibt, wie ich sie selten irgendwo angetroffen habe. Und dann gibt es meine Neugierde, mein Drang mich in neue Situationen zu begeben. Und das war und ist ja wirklich hoch interessant. Ich habe Menschen kennengelernt, die mit so monströsen Schwierigkeiten so konstruktiv umgehen, dass es mich fast beschämt. Ich habe kreative und konstruktive Menschen und Institutionen kennengelernt und erlebt. Menschen, die meine Arbeit aufopferungsvoll unterstützt haben, die Schwung und Intelligenz mitbrachten. Und ich habe festgestellt, dass es viele einsame Menschen gibt, die ihr Leben tapfer und optimistisch immer wieder anpacken.

Ich habe Katrin Göring-Eckart, Cem Özdemir, Toni Hofreiter, Britta Haßelmann, Reinhard Bütikofer, die ich allesamt nur aus dem Fernsehen kannte, persönlich erlebt. Und ich darf berichten, dass die genannten Politiker ihre Arbeit aus Überzeugung, mit Geduld und einer großen Portion Frustrationstoleranz machen. Sie alle haben nicht in Floskeln geantwortet, sondern fundiert gesprochen oder auch zugegeben, wenn sie nicht weiter wußten. Das war eine überaus positive Erfahrung.

Das ZDF hatte für ein Interview angefragt und ich habe einfach gelacht und abgesagt. Das war auch ein wichtiger Moment, wie eine Befreiung.

In einer halben Stunde ist 18 Uhr. Dann isch over. So sagte Schäuble. Eine intensive Zeit. Wir hören Clueso: „Wenn ein Mensch lebt“. Toller Song. Ostsong. Gut.

Cem mit Ivy

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