Das Wunder von Altenburg

Meine letzte Kolumne vor der Wahl in der rechtsgerichteten Werbezeitung „Kurier“

Ein alter Mann mit weißen Bart saß auf einer Bank unter der noch jungen Eiche auf dem Altenburger Markt. Ein lustiger Kreis von jungen Buchen, Platanen und Birken sowie ein Ginko umgaben ihn. Er summte leise vor sich hin, die Augen geschlossen, die Oktobersonne vergoldete sein Gesicht.

Ein Mädchen in einem Overall mit naturkrausem Haar lief auf ihn zu. Hinter ihr jagte ein Junge daher, die Sommerbräune an den Armen und im Gesicht, strohblond und rund um den Mund noch eisverschmiert.

„Warum summst Du?“, fragte das Mädchen. „Nur so, weil ich mich freue.“ „Worüber denn?“, fragte das Mädchen, das sich eine kleine Holztrommel geschnappt hatte und munter darauf herum haute. „Weil ich froh bin, mir damals die Ohren zugehalten zu haben. Damals, 2019.“ „Ui, das ist aber megalange her“, rief der Junge, während er etwas unbeholfen versuchte, auf eine der Platanen zu klettern.

„Komm schon und erzähl!“, riefen die beiden Kinder neugierig.

Vater mit Kindern im PGH

„Damals haben sich die Menschen viel gestritten. Die einen haben gesagt, dass es tausend Jahre lang viel besser gewesen wäre. Und dass nur die Fremden an allem Elend und aller Not Schuld hätten. Deshalb sei alles ganz schrecklich. Sie brüllten ganz laut und ich kann mich noch gut erinnern, sie hatten ganz blaue Fingernägel.“ Das Mädchen lachte. „Andere, mit ganz schwarzen Fingernägeln …“ „Wie meine Hautfarbe“, unterbrach sie ihn stolz. „Genau“, brummte der alte Mann. „Die haben gesagt, dass die mit den roten Nägeln Schuld daran wären, dass es keine Lehrer gäbe und die mit den grünen Nägeln Schuld daran, dass die Autos stinken würden – wo doch ein jeder wisse, dass sie nach Vanilleeis riechen. Und die Rotnägel sagten, dass man bald verhungere, weil das Essen unbezahlbar würde, weil Tiere zu viel Geld kosten. Woraufhin wiederum die Grünnägel sagten …“

„So ein Quatsch!“, schrie der Junge aus dem mühsam erklommenen Baumwipfel herunter. „Ja, aber so stritten sie alle miteinander, erzählten falsche Dinge und vergeudeten ihre Zeit.“ „Ja, aber warum denn bloß?“, fragte das Mädchen im Takt der Trommel.

„Sie wollten alle in den gleichen großen Palast in der fernen Stadt einziehen. Und sie stritten ganz laut, die Blaunägel brüllten immer mehr und redeten gleichzeitig, es war beileibe kein Vergnügen mehr und keine Freude. Am Ende traute sich niemand mehr zu sagen, dass das Leben schön sei.“

„Und dann?“, fragte der Junge – selber nicht so richtig wissend, wie er heil wieder aus dem Baum herunter käme. „Tja, dann haben sich ein paar Frauen und Männer zusammengetan, ihre Fingernägel mit allen Farben ganz bunt lackiert und beratschlagt. Schließlich haben sie feierlich beschlossen:

Wir, die Buntnägel, fordern:

• Tiere an die frische Luft

• Insekten auf und in die Kuhfladen

• Bauern mit weniger Sorgen 

• Genügend nette Lehrerinnnen und Lehrer

• Weniger Autos, die kostbares Erdöl verbrennen

• Großeltern, die leicht ihre Enkel besuchen können 

• Einen grünen Spiel-Marktplatplatz in Altenburg

• Händler handeln in Altenburg

• Menschen so bunt wie unsere Fingernägel

Da schrieen die Andern: ‚Das geht nicht, das geht nie! Das ist der Untergang! 

Und die Buntnägel hielten sich schnell die Ohren zu.“

„Und dann?“, wollte der Junge wissen, der es mittlerweile doch irgendwie heil vom Baum wieder heruntergeschafft hatte. „Nun, heute sitze ich hier unter der kleinen Eiche auf dem Spielplatz. Ich bin mit Gemüse und Eiern von meinem Vierseithof mit dem Rufbus zum Markt gefahren und habe mit dem Verkauf ein wenig hinzuverdient. Nur die vielen Insekten geh’n mir auf die Nerven. Da haben wir vielleicht doch ein bißchen übertrieben. Das alles haben wir geschafft, weil wir uns, als das Geschrei zu groß war, die Ohren zugehalten und in uns reingehorcht haben.“ Der alte Mann musste lachen: „ Ja, das war 2019.“

„Ui, das ist wirklich mega-lange her“, lachten auch die beiden Kinder – und rannten vergnügt weiter in Richtung Brüderkirche …

Brüderkirche

Ein Gedanke zu “Das Wunder von Altenburg

  1. Schöne und m e r k w ü r d i g e Geschichte mit dem Jungen, der auf den Baum klettert …und wieder herunter.
    Alles Gute – das Warten nicht verlernen!!! – mit dem ADVENT.

    Michael Wohlfarth, Pfarrer von 1975 – 1988 in Thonhausen. Durch das Berufsverbot meiner Frau in Schmölln 1988 nach Altenburg, Brüdergasse 11. Dort 500 Seiten Operativer Vorgang. d.i. FEIND (OV) wegen Zusammenarbeit mit dem Theater („Jugend in`s Theater“), vorher 500 Seiten Operative Personenkontrolle(OPK) wegen Kreisjugenpfarrer.Größtes Lob von der STASI Leipzig Hauptverwaltung(„begabt“ d.i. gefährlich)… von der Kirche nicht(smile).
    Danke für Kultur in meiner Thüringischen Heimat (längste Zeit meines Lebens hintereinander Altenburg-Altenburger Land).Und nicht vergessen:“Die größte Gewalt ist die Verführung.“(Sohn von H. Grosse als Intendant WISMUT – THEATER Gera 90iger Jahre.)

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