Bernd Höcke in Meuselwitz

Ich bin spät dran. Ich hatte es den jungen Kollegen von SOLID (der Jugend von: die Linke) versprochen. Am 10. Oktober ist der „Familientag“ der AfD in Meuselwitz. Familientag nennt die AfD ihre Wahlkampfveranstaltungen.

Familientag der AfD in Meuselwitz

Es interessiert mich, denn ihr Guru Höcke kommt. Björn Höcke ist ein Mann, den ich auch persönlich ablehne, zu dem ich ein Verhältnis habe. Andere wie Gauland oder Weidel oder Meuthen beobachte ich, studiere ich, um zu verstehen, was und warum es passiert. Ich bin frustriert und fasziniert von der sagenhaften Unverschämtheit, von der skrupellosen Intelligenz mit der die AfD alle Erkenntnisse der Linguistik, des Marketing, der Propaganda benutzt, um Meinungsführerschaft zu bekommen. Seit Jahren beobachte ich das, wie ein sprachliches Tabu nach dem anderen fällt, wie eben noch liberale Freiheitsbegriffe zu Kampfbegriffen der AfD mutieren: „Wir sind das Volk“, „Montagsdemonstration“ – damit begann es. Jetzt sind wir bei: „Vollende die Wende“, „Friedliche Revolution in der Wahlkabine“ und bei „Mehr Demokratie wagen“ gelandet. Das ist perfide, hochintelligent und es funktioniert. Schon 2014 habe ich immer wieder in meinem Theater darauf hingewiesen, dass wir aufpassen müssen, nicht in die Reaktion zu geraten. Wir haben das im Schauspiel ganz gut hingekriegt, haben den Marktplatz mit unserem „Montagsgebet“ frei gehalten von den überall stattfindenden Montagsdemonstrationen. Manchmal nur zu dritt standen wir da mit Kerzen in der Hand, aber wir waren da. Höcke war schnell ein Begriff, er sagte diese schrecklichen Dinge von Umvolkung, von der gesteuerten Afrikanisierung der deutschen Bevölkerung und ähnlichem Mist. Aber es hatte Wirkung.

Auf der Fahrt macht mein Auto merkwürdige Sachen. Es beschleunigt nicht gut. Es hat jetzt weit über 250.000 km auf dem Tacho ist bald 15 Jahre alt. Ich rechne immer wieder damit, dass es bald den Geist aufgibt. Aber ich komme gut in Meuselwitz an. Über Meuselwitz habe ich mal ein Stück gemacht. „Wenn es Nacht wird in Meuselwitz“. Es war ein Liederabend. Ouelgo Tené, mein wunderbarer Freund aus Burkina Faso, spielte darin einen Cowboy, der Nachts in die Kneipe in Meuselwitz kommt … . Und Wolfgang Hilbig kommt von da, dieser beeindruckende Dichter, der sich tot gesoffen hat und den heute schon kaum noch einer kennt.

Ich treffe zuerst auf die Gegendemonstranten von SOLID und MLPD, sie sind munter und erstaunliche 30 Personen stark. Dann hinein in den Familientag: ein paar Bierbänke, Glühwein, Bier – ein erstaunliches Familienbild, das da entsteht. Wie in den 60er Jahren. Die Männer saufen und rauchen und die Kinder dürfen auch rumhängen. Es sind nicht viele Leute, zwischen 50 und 110 geht es hin und hier in den nächsten zwei Stunden, denn der Meister lässt auf sich warten. Musik vom Band, später eine Zwei-Mann-Kapelle, die singt: „Es wird Nacht, Senorita“ und Songs, die noch weit niedrigschwelliger sind. Aber sie machen ihre Sache, wie man sie eben macht vor einem Publikum, das nicht zuhört. Das ist immer bitter, ob rechts, links oder in der Mitte. Manchmal reden Redner, manchmal die Moderatorin, von der Form her ist alles völlig unspektakulär. Das Gesagte? Oft einfach, ja langweilig, dümmlich und immer wieder wie Nadelstiche dieses Gift der Verachtung, der Diskriminierung, der Ausgrenzung. „Von Heidelberg bin ich weggezogen, denn das ist ja schon islamisiert. Hierher bin ich gekommen, wo die Menschen es begriffen haben und normal sind“ und so weiter. Ich esse diesen Kuchen, den der Spitzenkandidat des Wahlkreises mitgebracht hat. Er schmeckt nach Industrie.

Ich esse Thomas Rudy, der der Islamisierung entkam

Endlich kommt dann Bernd (er heißt Björn, aber wir sagen halt Bernd). Sofort geht es los mit: „Höcke, Höcke, Höcke!“ Wir werden aufgefordert, ganz nach vorne zu kommen. Er beginnt seine Rede so, wie man eine Rede halt beginnt, wie es Helene Fischer auch tut und alle anderen: Hallo Meuselwitz! Wie großartig! Ich fühle mich jetzt schon wohl, tolle Leute, nicht wie die schrecklichen Politiker in Erfurt etc. pp. Er ist nicht charismatisch, er ist nicht brilliant, er ist nicht derb, er ist nicht unterirdisch, er ist nicht – aber was ist er denn? Ich höre genau hin, wie er die Rede aufbaut. Ganz saturiert, in der bürgerlichen Attitude, die ja jetzt Parteikonsens ist. Harmlos entwickelt er seine Gedanken hin in absurde und widerliche Betrachtunsweisen. Er ist ein Geschichtsklitterer, ein Lügner, ein Vereinfacher – er ist ein Demagoge und ein Faschist. Er spricht über den Anschlag in Halle und verurteilt die Tat und fragt sich und uns dann, was in einem Land los ist, in dem junge Menschen, verwirrte Menschen sich gezwungen fühlen, solche Sachen zu tun. Da bleibt mir dann schon die Spucke weg. Und so geht es munter weiter. Er, der mit doppeltem Staatsexamen und meisterhaftem Masterabschluß in Geschichte angibt, erklärt uns, wie über Jahrhunderte diese besondere Gemeinschaft in Deutschland entstand, diese gemeinschaftliche Nähe, die nur wir Deutsche haben, diese Gemeinschaft, die auch Diktatoren und Diktaturen überstanden hat und die nun systematisch kaputt gemacht werden soll. Und dass er und wir das nicht zulassen werden.

Björn „Bernd“ Höcke

Ich schaue mich um, die Menschen nicken andächtig, fast sanft. Sie mögen ihn. Und sie glauben ihm. Glaubt er sich auch? Ist er zynisch? Ich weiß es nicht. Sicher ist, dass das furchtbar ist, was er sagt. Mir reichts.

Ich fahre zurück. Ich fühle mich merkwürdig hohl. Nicht empört, sondern eher leer, traurig. Da sind Menschen gewesen, die sichtlich nicht zu den Gewinnern gehören, manche hätte ich sofort nach dem Weg gefragt, manche hätte ich gemieden. Viele sind so alt oder älter als ich, aber es gibt auch junge, es gibt Frauen und Kinder. Dörflich, ein bißchen heruntergekommen ist der Eindruck, den ich habe. Das Auto funktioniert. Gott sei dank. Am Abend ist Bodo Ramelow in Altenburg. Auch er spricht. Vor vielleicht 200 Leuten. Es sind natürlich dieselben Mittel. Hier ein bißchen lockerer, in Meuselwitz ein bißchen mehr Bier. Mir ist irgendwie mulmig, ich bin angespannt. Ein Moderatorenduo ganz jung und hipp stimmt ein. Das wirkt gewollt auf mich. Ja verdammt, ich komme vom Theater. Ich bin empfindlich, wenn es um Shows geht. Ramelow tritt auf. Er spricht frei. Ein intelligenter Mann steht da, der transparent und glaubwürdig seine Erfahrungen und sein Christentum der Nächstenliebe in Politik umsetzen will. Er ist glaubwürdig und spricht respektvoll. Er überrascht mich positiv. Kein böses, kein dummes Wort. Viele hadern mit der Linken aus historischen Gründen. Das mag man verstehen. Herr Ramelow sagt aber nichts, was ich nicht unterschreiben könnte – außer bei E-Mobilität.

Bodo Ramelow

Was macht es aus, dass ich jemanden wählen kann? Der Mensch? Das Programm? Der Auftritt?

Ich entscheide mich dafür, dass der Inhalt das Entscheidende ist. Die Werte.

Ich weiß aber, dass weit über 80 Prozent des Gelingens einer politischen Rede im Auftritt liegt.

Mit ein paar Linken und ein paar Bündnisgrünen und Parteilosen treffen wir uns danach. Wir diskutieren noch lange im Grünen Salon über Politik. Ich bin sehr erschöpft. Meuselwitz hat mich erschöpft. Die AfD raubt mir Kraft. Es ist diese merkwürdige Verbindung von bürgerlich-einfacher Attitude mit unauffällig daherkommenden Gemeinheiten. Ich spüre es wirklich in den Knochen.

2 Gedanken zu “Bernd Höcke in Meuselwitz

  1. Diesen Beitrag sollten recht viele lesen. Er ist so geschrieben, daß jeder halbwegs intelligente Mensch begreifen muß, worin die Gefährlichkeit des Demagogen Höcke besteht.

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