Heidemarie*, Kathrin Göring-Eckardt und Elsa Kreuzmann

Nach einer merkwürdig unruhigen Nacht laufe ich um 8.55 vorsichtig los. Schnell komme ich außer Atem, gehe ein paar Schritte, laufe langsam weiter. Ich will ein wenig angewärmt, auf Puls sein, bevor ich an der Holzbaracke am großen Teich ankomme. Denn heute treffe ich zum zweiten Mal meine persönliche Trainerin Heidemarie*( Name geändert). Sie macht an einer Parkbank Kräftigungsübungen. Mit strahlenden Gesicht begrüßt sie mich in der bereits wärmenden Herbstsonne. Wir geben uns die Hand und traben los. Gott sei Dank bemerke ich nach ein paar hundert Metern, dass es besser geht, dass ich leichter laufe als beim ersten Mal. Wir laufen um den großen Teich in den Stadtwald, der hier ein wirklicher Wald ist. Ein Rundkurs. Eine tolle Strecke, die ordentlich bergauf und bergab geht. Heidemarie redet. Ich kann nicht, oder nur wenig. Sie ist fitter als ich. Sie erzählt vom Inselschwimmen in Kroatien. Sie erzählt, dass sie mit dem Fahrrad hinfuhr. Sie erzählt von den aufregenden Trailmarathons in Namibia, in der Serengeti, vor allem erzählt sie vom Two Oceans Marathon in Südafrika, wo man die 56 Kilometer in höchstens 6 1/2 Stunden zurücklegen muss. Sie schaffte es in sechs. Sie erzählt von der fantastischen Stimmung dort, von den freundlichen, aufregenden, skurrilen Situationen entlang der Strecke, der Musik, den Kochbananen, die sie nicht gegessen hat. Ab und zu streu ich einen Satz ein, damit sie weiß, dass ich noch lebe. Heidemarie´s Gesicht ist von einer sehr schönen Grundbräune mit vielen Fältchen, strahlenden Augen. Ihre Figur ist eher läuferuntypisch, schlank ja, aber gar nicht hager, eher muskulös. Sie ist klein, hat schlohweißes Haar. Ich habe sie bei meinem ersten Feierabendbier im „grünen Salon“ kennengelernt. Sie spazierte vorbei, ich fragte, ob sie ein Bier wolle. Sie setzte sich still zu uns. Auf ihrer Jacke stand Marathon. Ich fragte sie danach, wir kamen ins Gespräch. Später, als mich eine Mitdiskutantin fragte: „Ist denn Altenburg jetzt ihre Heimat“ und ich meinen Heimatbegriff erklärte, der doch eher geistig, denn geographisch sei, sagte Heidemarie: „Meine Heimat ist mein Zelt. Wenn ich da drin bin, egal wo auf der Welt, bin ich zu Hause. Es ist klein, ich trage es im Rucksack bei mir. Oft schlafe ich auch draußen, aber das Zelt schlage ich auf.“ Heidemarie ist siebzig, sie läuft mit mir jetzt einmal die Woche. Zehn Kilometer. Für mich ist das viel. Nicht für Heidemarie.

Später stelle ich fest, dass Nancy im Bioladen mit der Hilfe von Isabell den Tisch schön hergerichtet hat. Da habe ich Essen bestellt. Für Kathrin – KGE wie sie beim Bündnis abgekürzt wird. Es schmeckt gut. Kathrin ist auf eine höfliche Art direkt und unprätentiös. Sie redet viel mit meinem Mitkombattanten, ich beobachte die Szenerie. Sie ist gut informiert, selbstverständlich begleitet sie das Gespräch, sie dominiert es nicht, stellt Fragen. Wir gehen mit ihr zur Farbküche. Anja und Susann erläutern Kathrin und einem Auditorium von ca. zwanzig Menschen das Projekt Stadtmensch. Basisdemokratisch organisiert, erinnert es in seiner Ausrichtung an Bauhaus oder Joseph Beuys. Stadtmensch ermuntert die Bürger von Altenburg kreativ und produktiv ihre Umgebung selbst zu gestalten. Mit den verschiedensten Angeboten über Tanz, Schauspielerei, Malerei, Graffiti, über Spiele am Tisch und in der Stadt entsteht ein Netz von Ideen, originell und lebendig, in verschiedenen Räumen der Stadt. Dr. Horn, der umstrittene Schloßchef, hat maßgeblich beigetragen, bleibt aber ganz still. Zu meiner Überraschung sind es vorwiegend junge Leute, die da mitmachen. Kathrin hört aufmerksam zu, ihre Fragen zeigen, dass sie die Chancen und Probleme schnell erfasst. Eine Lehrerin fragt noch nach der Wahl. KGE spricht von Zweitstimmenkampagne. Das ärgert mich. Wir verabschieden uns. Sie wird nochmals kommen, dann nach Schmölln in Nicks Wahlkreis.

Kathrin Göring – Eckhardt und Susan Seifert in der Farbküche

Ich gehe in den Bioladen, esse meinen Salat auf. „Zweitstimmenkampagne“ denke ich verstimmt, während ich vor die Tür trete. Eine Frau macht Fotos von der Brüderkirche. „Schön, oder?“ rufe ich ihr zu. Sie sagt: “ Ja! Und sehr persönlich!“ Ihr Großvater hatte da geheiratet 1926. Seine Frau hieß Elsa.

„Elsa, war nicht meine Großmutter. Mein Opa hatte sich getrennt.“ „Jüdisch?“ frage ich. „Nein, katholisch. Keine Nazis in der Familie“ sagt sie. Das Gespräch ist sehr offen, konkret und erstaunlich vertraut. Morgen geht sie auf den Friedhof, dann zurück nach Berlin. Sie heißt Schmidt. Elsa hieß Kreuzmann. Elsa Kreuzmann. Sie war manisch depressiv und ab 1927 in einer Klinik. Sie wurde 1940 im Zuge der Aktion T4 ermordet. Frau Schmidt trägt ihre Geschichte zusammen.

Ich gehe nach Hause. Mir wird klar, dass ich den ganzen Tag vor allem mit Frauen zu tun hatte, mit Frauen, die ihre eigenen Weg gehen.

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