Who the fuck needs politics

Ein bißchen quäle ich mich schon zu diesem Familiennachmittag in der Brüderkirche. Es ist eine wunderschöne Kirche, im Inneren fast rund, große Orgel, die auch Max Reger gut abbilden kann. Hier haben wir demonstriert gegen Thügida, haben gefroren, bei 7° Celsius stundenlang geprobt. Rachelle schlief alle 3 Minuten ein, so kalt war es. Familiennachmittag – der Kandidat von Bündnis 90 / Die Grünen (also ich) lässt sich sehen, wie auch der der Linken. Der von der CDU wird durch den OB vertreten. Gegen 15 Uhr gehe ich hin.

Brüderkirche

Pfarrer A.G. ist da, der gegen die Stasi aufbegehrte. Er bastelt mit seiner Tochter, die heißt wie sein Vater, zusammen Insektenwohnungen aus Lehmziegeln mit andern Kindern zusammen, erklärt, wie wichtig Insekten für die Welt sind. Auf der Freitreppe treffe ich eine Frau, die mir 100 Euro für meinen Wahlkampf gibt. Daneben ein Secondhandstand für Kinderklamotten mit klugen Hinweisen auf Resourcenschonung, weiter eine Hüpfburg, eine kleine Bühne, vier Tischkicker, an denen Erwachsene und Kinder leidenschaftlich ein Turnier bestreiten. Der OB spielt richtig gut. Da blamiere ich mich lieber nicht, sondern kommentiere lustig. In der Mitmachküche gibt es selbst angesetzten Kefir, Eierkuchen mit Sprossen, vegetarische Borschtsch, mittelmäßigen Kaffee, den ich gratis bekomme und für den ich dankbar bin. Viele begrüßen mich freundlich, lachen, wahnsinnig viele wilde Kinder, die miteinander spielen. Das klingt so selbstverständlich. Ist es das? Mütter und Väter machen alle mit. Nicht, dass die einen sich kümmern und die andern Bier trinken. Ich frage drei Kinder, ob sie mir helfen, die Trommeln zu holen. Sofort sprinten sie los. Freuen sich sichtlich. Vor allem die Eine. Vier Jahre alt und immer ganz aufgeregt. Wir trommeln: „ICH bin klasse, DU bist klasse, WIR sind klasse.“ Ich bastle noch einen Rhythmus aus Hu(!)ssan, Ibrahim und Salma, sie freuen sich und singen dann „Kobangate“ drüber. Dann, nach den üblichen technischen Problemen, ein kleines Theaterstück mit Mutter Erde in der Hauptrolle, die hofft, dass sie noch oft kommen darf auf dieses Fest. Das ist nicht sicher, weil die Zeiten schwer sind. Es gibt im Stück eine reale Geburtstagstorte für zwanzig Jahre Weltladen. Sie wird an die Kinder verteilt. Der andere junge, kluge und witzige Pfarrer will zum Abschluss beten, aber alle haben den Mund voll. Ich diskutiere nochmal Schulpflicht und verstehe die Bedenken über unser Schulsystem, sehe die wilden Kinder, die geschminkt, dreckig, laut und entspannt sind. Und hoffe, dass sie es lange bleiben dürfen.

Trommelkurs

Feuershow mit einer Tänzerin, die aus den einengenden Fesseln des Staatsballett ausbrach und gut vom Feuertanz leben kann. Ich bewundere ihren Mut, wir reden offen und verstehen uns. Sie muss gleich los, noch ein Auftritt woanders. Ich trinke Bier am Lagerfeuer und trommele ein bißchen, ich kann das ja nicht gut, aber ich trau mich, weil ich weiß, dass mich niemand kritisieren will und ich auch leise spielen kann.

Kuchen backen

I. meint, ich solle doch ein Künstlerdorf mitten im Ort aufmachen. Ihr Mann, mit Schicksal und großem Herzen, hilft mir beim Trommeln einsammeln. Alle bezahlen ständig ein paar Centfuffzig für alles. Kein Konsum, kein Prahlen, kein SUV, kein Aufhebens. Nur einmal ein Gespräch über die AfD. Der wilde Osten. Who the Fuck needs Politics?

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s