Getränk, Gespräch, Gemeinsamkeit und AfD

Zum ersten Mal öffne ich den ganzen Tag den „Grünen Salon“. Unsere Wahlkampfzentrale am Markt. Das ist Altenburg: für ca. 450 Euro im Monat kann man ein Ladenlokal in der absoluten Toplage für 5 Monate mieten. Das wäre mir in München nicht gelungen.

Der „Grüne Salon“ am Markt in Altenburg

Zuerst kommt ein Schauspieler vorbei, den ich noch engagiert hatte. Er ist ein ungewöhnlich sozialer Schauspieler – ohne dadurch an Prägnanz und Eigenständigkeit zu verlieren. Er war im internationalen Kontext eine Bank, gastfreundlich, neugierig und pragmatisch. Er hat zwei kleine Kinder, seine Frau, die ebenfalls Schauspielerin war, lernt jetzt Erzieherin. Eine saukomplizierte, langwierige Ausbildung. Dabei werden Pädagog*innen doch dringend gesucht. Vor allem auch in Thüringen. Dafür verdient sie hier dann später weniger Geld, als in fast allen andern Ländern in Deutschland. Mann – das ist auch manchmal frustrierend. Die Familie aber kriegt es gut hin. Wir sprechen über Themen, die mich verunsichern. Impfpflicht und Schulpflicht. Wer wie ich viel in Westafrika gearbeitet hat, versteht diese Auseinandersetzung nur schwer. Was für ein Segen für die Länder, wenn sie ein gutes und günstiges Schulsystem aufbauen, wenn die Kinder in die Schule müssen und dadurch Kinderarbeit verhindert, der Horizont erweitert wird. Wie hilfreich, wenn Menschen geimpft werden gegen tödliche oder gravierende Krankheiten. Und wie wichtig ist es, dass das flächendeckend passiert. Wie sehr warten alle auf eine gute Malariaimpfung. Wie skandalös, dass mehr Geld in die Antifaltenforschung gesteckt wird, als in die Erforschung solcher Krankheiten. Deshalb tue ich mich schwer mit der Diskussion. Allerdings kannte ich eine wundervolle Pianistin. Sie wuchs in Frankreich auf dem Rücken eines Pferdes auf und ihre Eltern erzogen und unterrichteten sie. Sie war klug, gebildet, sozial – wirklich wundervoll.

Katja Bouscarrut (gest. 2017) –
eine wundervolle Pianistin und Künstlerin
hier in der UA „In Schrebers Garten“

Also scheint das zu gehen. Ich hätte das nicht gewollt. Ich ging gerne zur Schule, schimpfte oft darüber – normal halt. Das Vertrauen in den Staat und seine Fürsorge scheint zu sinken. Das ist ein gravierendes Problem. Wir sind uns einig. Immer wieder fällt der Begriff „Gesunder Menschenverstand“. Ich stimme zu. Ist der Begriff altmodisch? Oder klug? Aber halt langweilig. Schlimmer – auch den hat sich die AfD gekrallt, um ihre von keiner Ahnung gestörten Vorurteile zum gesunden Menschenverstand zu erklären.

(Achtung Politikspoiler:) Ich bin der Meinung, dass der entscheidende Faktor, ob Schule gelingt, davon abhängt, dass in qualifiziertes, zahlreiches! Personal investiert wird. Jetzt lese ich, das sich die Experten über den Bedarf verrechnet hätten. Was ist denn das für ein Witz! Einstein hat Gravitationswellen vorausberechnet! Dann bildet halt im Zweifel zuviel aus, stellt sie trotzdem ein, verkleinert die Klassen und bringt Inklusion dadurch zum Erfolg. Das kann dieser Staat sich leisten, er kann ja auch Abwrackprämie. (Spoilerende)

Mittags kommt eine Horde Kinder vorbei mit ihren Eltern. Remmidemmi. Ich animiere sie zum Toben, zum Gläser zersingen. Sie wollen Trommeln, haben meinen kleinen Kurs nicht vergessen.

Dann kommt ein großer blonder Mann mit einer kuriosen Haartolle und Sonnenbrille. Sicher weit über sechzig. Er ist laut und dröhnend. Donald Trump. Im Ernst – er sieht genau so aus. Und redet genau so, nur auf Pott. AfD-Wähler aus Moers. Er ist Rentner auf dem Weg zu seiner polnischen Freundin. Multivanfahrer. Ohne Witz. Ich schreibe hier nur meine ehrlichen Erlebnisse, glaub es selber kaum. Er monologisiert über den Rattenfänger Habeck, über die fremdgesteuerte Greta, über die kreischige Baerbock. Wir lassen nichts aus. „Nee, klar. Die Qualifizierten, die brauchen wir ja auch. Aber das Drecksvolk, das ruiniert uns. Haste ne Ahnung wie das ist in Duisburg und in Essen? Die Merkel ist schuld. Naja, jetzt hat sie es eingesehen, auch wenn sie es nicht sagt. Der Lindner ist gut.“ „Der Rattenfänger?“, frag ich dazwischen. Er lacht. „Können wir uns darauf einigen, das es falsch ist, Menschen ersaufen zu lassen?“, frag ich. „Ja schon, aber … .“ So geht es dahin. Es ist anstrengend, manchmal amüsant, oft fürchterlich gemein. Ich habe mich entschieden. Ich rede mit den Leuten. Ich höre zu. Er bemerkt das. Er sagt: „Mensch, Du hörst ja wirklich zu.“ Ist es denn richtig? Ich argumentiere, bleibe aber fröhlich. So mach ich es. Egal, was Sascha Lobo dazu sagen würde. Ich bleibe bei Heine: „was ich geantwortet, verschweige ich hier. Doch glaubt mir, meine unsterbliche Seele ward nie davon verletzt, was ein alter AfDler geschwätzt.“

Am Abend dann zum ersten Mal die Veranstaltung „Auf ein Feierabendbier mit Bernhard Stengele“. Was sich dann hat zugetragen, verrate ich euch ein andermal, in heranträumenden Herbstestagen.

Schluß mit Heine jetzt.

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