Mein Name ist …

Der Wahlkampf fängt an, mich zu erfassen. Ich fange an, es zu lernen, kenne das ja nur aus amerikanischen Filmen. Oder als Wähler, wenn ich zufällig an einem Stand vorbei komme. Ich war am Samstag in der Känguruhschule. Eine freie Grundschule, die ihr zwanzigjähriges Bestehen feiert. Mein Freund Johnny Lamprecht hat mir 50 kleine Trommeln geliehen und ich gebe einen Trommelworkshop für Kinder. Natürlich habe ich das noch nie gemacht, aber ich habe immerhin das erste interaktive Trommelmusical, „Die Zaubertrommel“, inszeniert und habe mehrere Jahre Trommelerfahrung. Es ist leicht. Trommeln funktionieren prima. Man haut rein und mit ein wenig Disziplin entsteht Musik und Gemeinschaftsinn.

… ich bin Klasse, Du bist Klasse!

Mir ist allerdings jetzt immer dabei bewußt, dass ich ja auch Wahlkämpfer bin. Und ich komme mir ein wenig unaufrichtig vor. Das ist hochinteressant. Denn ich manipuliere niemanden, sondern singe eigentlich nur das Baumlied. Und Kinder dürfen ja gar nicht wählen. Und die allerwenigsten wissen, wer ich bin. Ich habe Hemmungen, das zu sagen. Es kommt mir blöde vor: „Mein Name ist Bernhard Stengele, ich kandidiere für Bündnis90/die Grünen … aber eigentlich bin ich gar nicht so.“

Und so geht es mir grade immer. Ich spreche mit Leuten und es interessiert mich wirklich. Und dennoch gibt es so einen Moment der Spekulation. Und manche begegnen mir auch so. Als ob ich ihnen Schnürsenkel verkaufen wollte. Als ob ich unaufrichtig wäre. Bin ich das? Nein. Ich prüfe mich. Nein. Nein.

Abends dann Auftritt in Kleinmecka mit Robert Herrmann. Er spielt Klavier, über eine Stunde, ununterbrochen. Es sind über fünfzig Leute da. Da – am Arsch der Welt. Und Jessyka Rett, eine südamerikanische Tänzerin vom Staatsballett, und ich begleiten ihn. Intuitiv betritt sie die Szenerie, wenn die Musik sie ruft. Sie bewegt sich auf dem unebenen Hof, in dieser Ruine, es ist wirklich poetisch. Und so mache ich es auch: Villon, Novalis, Heine. Es ist eine wunderbare Erfahrung. Alles improvisiert. So habe ich es mir oft vorgestellt.

Robert improvisiert in Kleinmecka

Ich hatte es zu Beginn anmoderiert. Und ganz am Ende, in dem sehr schönen Applaus, sage ich es zum ersten mal wirklich: „Mein Name ist Bernhard Stengele, ich trete an im Landtagswahlkampf für Bündnis 90/ Die Grünen. Als ihr Direktkandidat.“ Und dann in die erwartungsvolle Stille hinein: „Ich möchte der nächste Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika werden!“ Das musste natürlich sein. House of Cards sei dank.

Später sitzen wir am Lagerfeuer und diskutieren Politik mit einer Landwirtin, einem Frührentner, der ein ebenso interessantes, wie schweres Schicksal hat, einem Geografen und einem Geiger des Gewandhausorchesters. Ich trinke schnell und gerne. Wir reden über Biogasanlagen, über CO2-Steuer. Und über die Menschen, die hier leben oder nicht mehr hier leben, sondern weggezogen sind und gerne zurückkommen würden. Das ist der Grundsound, wie man heute sagt. Der Generalbass, wie ein Polyphoniker sagen würde. Ich fühle mich am richtigen Platz. Ich höre zu und sage, was ich empfinde und denke. So entsteht eine Landschaft im Inneren. Gespeist aus dem Äusseren.

Es war ein toller Auftritt. Und ich habe es gesagt. Mein erstes Outing.

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