Der Pfarrer, der BMW-Manager und die muslimische Speise

Gestern fuhr ich raus zum Kulturhof nach Kleinmecka. Über Stock und Stein. Zu einem Vierseithof, den mein Kumpel Robert Herrmann gekauft hat, um ihn zu einem Kulturhof umzubauen. Ein großes Hauptgebäude, ein zerfallener Stall, eine einigermaßen erhaltene Scheune.

Groß das alles. Für 10.000 Euro gekauft. Julia Klöckner – ja, die mit dem Tierwohl – hat jetzt einen Zuschuss gewährt. Für zwei Jahre. Ein großartiges Projekt, eine Mammutaufgabe. In einem Raum steht ein Klavier. Wir üben, improvisieren. Am Samstag, dem Tag des offenen Denkmals, wollen wir dort eine kleine Performance machen. Robert ist weit lässiger als ich. Und ich bin doch schon lässig. Wir proben nicht, spielen nur rum. Es wird dunkel, er sieht die Tasten nicht mehr. Ich fahre heim, gehe noch ins Paul-Gustavus-Haus. Das soziokulturelle Zentrum der Stadt. Aber „soziokulturell“ hört sich wie eine Krankheit an. Wie „ostdeutsch“ oder „Tinnitus“. Das PGH aber ist ein cooler Ort.

Ich treffe auf den Pfarrer und einen BMW-Manager. Der Pfarrer ist ein hübscher, rauher 50er. Lange blonde Haare zum Zopf gebunden. Muskulös. Lässig trinkt er ein Bier. Der BMW-Manger ist fünf Jahre jünger, mit einem zarteren Gesicht, ebenfalls schlank und gutaussehend. Wir diskutieren über die ansteckende Krankheit: „Ostdeutschland“. Sie grassiert im deutschen Fernsehen. Anne Will und Konsorten diagnostizieren und warnen, suchen nach einer Therapie. Sie „framen“ und „worden“. Dabei gibt es die Krankheit gar nicht. Sie ist eine Erfindung. Dieses Mal ist nicht die Pharmaindustrie Schuld, sondern politische Analytiker, meistens aus dem Westen. Cui Bono? AfD? Gauland, Meuthen, Höcke?

Ich erzähle davon, dass niemand Bündnis 90 sagt, sondern alle sagen: „Die Grünen“. Krass, oder? Der Pfarrer erzählt von der Friedensbewegung in der DDR, von seinem Job als Heizer bei Pfarrer Göring – ja, dem Mann von Katrin Göring-Eckhart. Und wie er mit der Stasi aneinander geriet.

Er erzählt, wie er in Erfurt in der Stasizentrale stand und nicht wußte, ob geschossen wird. Wie er dann Pfarrer wurde. Der BMW-Manager erzählt, wie er die Wende erlebt hat, mit 21. Und wie er jetzt für BMW arbeitet, aber nicht im Dialekt spricht. Wir haben eine gute Zeit und das zweite Industriebier zusammen. Ich bin schon leicht angeheitert, denn ich habe nichts gegessen. da kommt eine junge Frau rein, sie arbeitet nebenan im integrativen Zentrum, sie hat Essen dabei: Reis mit Soße, wie in Burkina Faso, zwei würfelgroße Stück Fleisch darin. Sie haben zu Ehren des Propheten gegessen. Das blieb übrig. Ich verneige mich Richtung (Klein) Mekka. Manchmal fügen sich Dinge poetisch. Der Pfarrer fährt die Frau zum Bahnhof Richtung Leipzig. Der Manger kommt auf mich zu und sagt: „Danke für Kruso – das wollte ich immer schon sagen.“ Kruso – meine letzte Hauptrolle am Theater über Künstler während der DDR auf Hiddensee. Ich bedanke mich. Damit habe ich nicht gerechnet. Ich haderte mit der Produktion. Aus vielen Gründen. Mochte aber das Thema sehr und liebte auch meine Figur. Und jetzt, nach 3 Jahren, bedankt sich einer und verschwindet. Ich gehe heim …

PGH als Theaterspielort

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s