Umgang mit einem Neonazi und Reichsbürger

Es gibt Erlebnisse, die sind so überraschend, so gut und lehrreich, daß ich sie verdutzt und beglückt gleichermaßen erlebe.

Sommer 2019 in Kisslegg im Allgäu. Ich treffe mich mit einem Freund in einer Kneipe, die früher mal Treffpunkt war für die halbe Gemeinde. Generationen saßen zusammen, es wurde Bier getrunken, zu essen gabe es Dünnele und belegte Seelen, sogar warm. Keine Sperrstunde. Oh schöne Zeit, wo der Himmel noch voller Geigen hing …

Heute ein dicker, ungepflegter Wirt, der uns langsam das Bier nach draußen serviert. Mein Freund und ich waren zu einem Versöhnungsgespräch verabredet, wir hatten uns über einen geplanten Auftritt verstritten und wollten das beilegen. Mein Freund ist im Hauptberuf Klinikclown. Er ist nach einer starken Gewichtsabnahme 110 kg kräftiges, vitales, germanisches Urtier, langhaarig, ein riesiges Gesicht, immer kurze Hosen. Und er bittet zwei Straßenarbeiter an den Tisch. Er kennt sie nicht. Sofort beginnt er ein sehr offenes Gespräch über die Hitze. Und sofort geht’s los mit Afrika und alle sind schwarz und so. Und mein Freund sagt:

„Ihr hont wohl hoffentlich nix gega Schwarze, weil des sind alles maine Fraind, also au dia, dia it maine Fraind sind, sind maine Fraind, obwohl se vielleicht, woisch was i moin?“

Das Gespräch geht weiter, jetzt sogar über Flüsterasphalt, 40 Tonnen Bagger und – auweh – den LKW des Größeren der Beiden. Das alles im breitesten Dialekt. Kroetz, Schwab, Scheitenberger – sie hätten ihre Freude daran gehabt, auch Horvath. Ob er denn auch einen Namen habe für seinen LKW?

„Noi.“

„Isch es denn dain Elkawe?“

„Er fahrt, wenn i fahr, er schtoht, wenn i schtand, er isch grank, wenn i grank be – also main Elkawe. Abr a Schild honni dinne ghett, des hot rousmossa.“

„Hoi, warum?“

„Dr Scheff hots it duldat.“

„Hoi, warum, was isch droufgschdanda?“

„Ich fahr für den Endsieg.“

Kurze Pause.

Dann ruft mein Freund: „Noi, des isch it droufgschdanda!“

„Ha, doch, warum soll des it drouf gschdanda sai?“

„Weil noch wärsch Du jo so oiner, so an …“

„Bin I au, verschdosch, I bin an Neonazi“, lacht er.

„Noi, bisch it“, sagt mein Freund. Ich staune. Er bleibt ganz offen, laut und kräftig, ohne Aggression.

„Sonscht miast I di jo verhaue.“

„Probiers!“

Kurze Pause.

Mein Freund steht entschlossen auf, geht um den Tisch, mir wird mulmig.

Er fühlt die riesigen Arme des Baggerführers und sagt: „Des sind it alles Muschggla!, do isch au Fett dabei.“ Und lacht laut und dröhnend. Der andere lacht auch.

„Überhaupt, was für ein Endsieg? S’isch doch koin Griag meh!“

„Ja“, sagt der Baggerführer, „aber au koin Friede, bloß Waffastchtillschtand.“

„Noi“, jault mein Freund auf, „bisch Du an Reichsbürger?“

„Naja.“

„Noi, bisch it“, sagt mein Freund, „Du bisch doch im Grunde an gscheita Kerle und it bös, also her ouf mit dem Scheiß.“ Und er lacht, der andre lacht auch, ein bißchenm verunsichert.

„Mir gont jetzt. Reiss Di zamm.“

Wir verabschieden uns.

Ich bin geplättet. Er schaffte es, freundlich zu bleiben, ohne auch nur im Ansatz seine Position zu verraten. Natürlich hat er niemanden bekehrt, aber er hat seine Position behauptet, sich durch das strotzende, provokative Selbstbewusstsein des Andern nicht verunsichern lassen, ja er hat sogar klar gemacht, was der andere tun müßte, um seinen Respekt zu haben. Und alle die glauben, man hätte doch noch deutlicher und aggressiver – nein. Das war das Optimum in der Situation.

Das Optimum – mehr ist nur in der Theorie möglich für teures Geld auf Seminaren und ganz ohne Neonazi. Ich war ehrlich begeistert. Was für ein Freund! Was für ein Klinikclown!

Auf geht’s in den Wahlkampf nach Ostthüringen. Auf gehts zu tollen, innovativen Menschen, in eine unterschätzte Gegend.

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